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Gerd Fleisch­hauer

Nach-gefragt
Gerd Fleisch­hauer

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Bei Bauar­bei­ten stößt man nicht selten auf gefähr­li­che Hinter­las­sen­schaf­ten aus dem zwei­ten Welt­krieg: Etli­che Blind­gän­ger schlum­mern als tickende Zeit­bom­ben im Boden. Einer, der sich um die sichere Neutra­li­sie­rung von Flie­ger­bom­ben und Grana­ten kümmert, ist Gerd Fleisch­hauer. Der Spreng­meis­ter vom Kampf­mit­tel­be­sei­ti­gungs­dienst des Landes Bran­den­burg hat alle Hände voll zu tun, schließ­lich ist Bran­den­burg nach Poli­zei­an­ga­ben das Bundes­land mit dem höchs­ten Anteil an kampf­mit­tel­be­las­te­ten Gebie­ten in Deutsch­land.

Herr Fleisch­hauer, in Ihrem Beruf können Ihnen bereits kleine Unacht­sam­kei­ten zum Verhäng­nis werden. Wie gehen Sie bei Bomben­fun­den vor, um Unfälle zu vermei­den?

Das ist vor allem eine Frage der Orga­ni­sa­tion. Natür­lich ist es ein Unter­schied, ob ich von einem Bagger­füh­rer ange­ru­fen werde, der uner­war­tet auf etwas gesto­ßen ist, oder ob es sich um einen plan­mä­ßi­gen Fund handelt. Wir suchen ja nach Luft­bild­aus­wer­tun­gen gezielt Flächen ab und führen bei Vermu­tungs­punk­ten Bohr­loch­son­die­run­gen durch, etwa im stark belas­te­ten Orani­en­burg. Stellt sich heraus, dass tatsäch­lich Kampf­mit­tel im Boden liegen, kann ich alles schön vorbe­rei­ten: Wir kennen die Lage vor Ort, wissen von Gas‑, Wasser- und Elek­tro­lei­tun­gen, können groß­räu­mig absper­ren und geplant evaku­ie­ren, in Abspra­che mit den Ämtern. Ich weiß, um was es sich handelt, ob eine Bomben­ent­schär­fung in Frage kommt oder gleich eine Spren­gung…

Bei einem Zufalls­fund ist das natür­lich anders. Liegt zum Beispiel plötz­lich eine Bombe in der Bagger­schau­fel, bleibt weni­ger Zeit für die Vorbe­rei­tung. Die Sicher­heit steht aber immer an erster Stelle. Bevor wir hinlau­fen und den Gegen­stand iden­ti­fi­zie­ren, heißt es erst­mal absper­ren, evaku­ie­ren, frei­ma­chen. Wir gehen in jedem Fall von der höchs­ten Gefähr­lich­keit aus, die es zu mini­mie­ren gilt. Erst dann machen wir uns ein genaues Bild von dem Kampf­mit­tel, in welchem Zustand ist es, was hat es für einen Zünder?

Wie schaf­fen Sie es, diese gefähr­li­che und verant­wor­tungs­volle Aufgabe zu meis­tern: Sind Sie von Natur aus ein muti­ger Mensch, der Nerven­kit­zel mag?

Einen gewis­sen Mut muss man haben, aber um Nerven­kit­zel und Helden­tum geht es sicher nicht. Das Wich­tigste sind ja die Schutz­vor­keh­run­gen, für sich selbst und alle ande­ren, das darf man nie verges­sen. Man braucht also vor allem Ruhe und Beson­nen­heit. Wir legen hier zudem sehr viel Wert auf prak­ti­sche Erfah­rung. Wer die Ausbil­dung gemacht hat, darf bei uns nicht gleich entschär­fen, sondern beglei­tet erst einmal jahre­lang einen erfah­re­nen Spreng­meis­ter. Ein verros­te­ter Gegen­stand, der in der Lehr­klasse geputzt als Ausbil­dungs­uten­sil steht, sieht nämlich immer noch anders aus als das, was ich hier vor Ort vorfinde.

Routi­niert an die Sache heran­ge­hen darf man ohne­hin nicht, denn jeder Fund ist anders. Bei den Vorbe­rei­tungs­ar­bei­ten schon, man guckt auf die Karte, man nimmt den Zirkel, man meldet dem Ordnungs­amt, hier brau­chen wir noch einen Schutz, hier stel­len wir noch Big Packs hin, hier stel­len wir Stroh­bal­len auf für den Fall der Fälle. Aber danach, direkt an der Bombe, ist Routine fehl am Platz. Man kann nicht rein­ge­hen in das Loch und gewohn­heits­mä­ßig die Zange anset­zen nach dem Motto „Ach, so ein Ding hatte ich schon 25 Mal und heute, beim 26. Mal, läuft das genauso.“ Das wäre falsch, denn es spie­len sehr viele Aspekte eine Rolle: Wo lag die Bombe, wie lange lag sie dort, ist sie stark verros­tet oder verkrus­tet, kommt man gut an sie ran, ist der Zünder gestaucht… Das gilt auch für tech­ni­sche Details: Eine 250 Kilo Bombe ameri­ka­ni­scher Bauart kann zum Beispiel auch mal einen ande­ren Zünder haben als erwar­tet.

Haben Sie schon einmal einen Rück­zie­her gemacht, weil Ihnen etwas nicht geheuer war?

Nicht direkt, letzt­lich findet sich ja immer eine Lösung. Man sollte aber nie vorschnell handeln, und so kommt es schon mal vor, dass ich noch einen Kolle­gen hinzu­ziehe, um eine zweite Meinung zum geplan­ten Vorge­hen zu bekom­men. Wir haben ja die Wahl: An eine einfa­che mecha­ni­sche Zündung kann ich mit der Zange ran, aber Lang­zeit­zün­der­bom­ben fassen wir im Grunde genom­men gar nicht mehr an. In diesem Fall nutzen wir Fern­ent­schär­fungs­ge­räte, um das Risiko zu mini­mie­ren.

Falls doch etwas schief­lau­fen sollte, hilft Ihnen Persön­li­che Schutz­aus­rüs­tung vermut­lich wenig. Tragen Sie über­haupt PSA?

Wir haben hier ganz normale Arbeits­klei­dung mit Hand­schu­hen, Sicher­heits­schu­hen und einem Schutz­helm, aber mehr auch nicht. Schutz­an­züge für Minen­ent­schär­fer, die man manch­mal im Fern­se­hen sieht, brin­gen uns nichts. Bei denen deto­nie­ren ja nur 20 bis 50 Gramm Spreng­stoff, bei uns wären es 150 bis 200 Kilo. Eine solche Explo­sion über­steht kein Anzug, nicht mal eine Ritter­rüs­tung.


Steck­brief

  • gebo­ren 1959 in Artern
  • Spreng­meis­ter beim Kampf­mit­tel­be­sei­ti­gungs­dienst des Landes Bran­den­burg (KMBD)
  • hat bis dato rund 120 Blind­gän­ger entschärft oder kontrol­liert gesprengt
  • setzt auf Ruhe, Beson­nen­heit und eine gute Vorbe­rei­tung
  • sieht sich nicht als Held
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