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Umgang mit gespeicherten Energien - Unverhofft kommt oft …

Unverhofft kommt oft …
Umgang mit gespei­cher­ten Ener­gien

gespeicherte Energien
Foto: © Lukas Gojda - stock.adobe.com
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So etwas hat wohl jeder schon einmal erlebt: Die zunächst harm­los wirkende Geträn­ke­fla­sche erwacht mit dem Öffnen des Verschlus­ses urplötz­lich zu einem impul­si­ven Eigen­le­ben und der begehrte Inhalt verteilt sich schäu­mend im gesam­ten Raum. Während solche Malheure meis­tens glimpf­lich ausge­hen, führt das plötz­li­che und uner­war­tete Entwei­chen gespei­cher­ter Ener­gie in Indus­trie und Hand­werk immer wieder zu teils schwer­wie­gen­den Unfäl­len. Dieser Arti­kel soll sowohl typi­sche Gründe als auch Maßnah­men zu ihrer Verhin­de­rung aufzei­gen.

Dipl.-Ing. Rainer Rott­mann

Gründe, warum Ener­gien in Maschi­nen und Anla­gen gespei­chert sein können, gibt es viele. Sei es, dass Hydraulik- oder Pneumatik-Leitungen noch unter Druck stehen, elek­tri­sche Ener­gie in Konden­sa­to­ren oder aufgrund stati­scher Aufla­dung gespei­chert ist oder dass Zug- oder Feder­kräfte nicht abge­baut wurden.

Ebenso viel­fäl­tig sind die Ursa­chen, warum gespei­cherte Ener­gien plötz­lich frei­ge­setzt werden können – dies geschieht zum Beispiel aufgrund von

  • Fehl­ver­hal­ten,
  • Mate­ri­al­er­mü­dung,
  • mangel­haf­ter Produkt­qua­li­tät oder
  • unzu­rei­chen­der Wartung,

um nur einige Ursa­chen zu nennen. Insbe­son­dere sind betriebs­fremde oder noch nicht lange im Betrieb beschäf­tigte Perso­nen von Unfäl­len betrof­fen, da sie nicht über die notwen­di­gen Kennt­nisse und Erfah­run­gen zur eigen­stän­di­gen Gefah­ren­ab­wehr verfü­gen.

Fall­zah­len auf gespei­cherte Ener­gien zurück­zu­füh­ren­der Arbeits­un­fälle gestie­gen

Die Zahl der auf gespei­cherte Ener­gien zurück­zu­füh­ren­den Arbeits­un­fälle ist im Laufe der Zeit auf ein signi­fi­kan­tes Maß ange­stie­gen. Deshalb wurde bereits bei der Ankün­di­gung der neuge­fass­ten Betriebs­si­cher­heits­ver­ord­nung (Betr­SichV) im Jahre 2015 darauf hinge­wie­sen, dass die neue Verord­nung beson­de­ren Unfall­schwer­punk­ten Rech­nung trägt, wie sie insbe­son­dere bei der Instand­hal­tung sowie bei beson­de­ren Betriebs­zu­stän­den, Betriebs­stö­run­gen oder Mani­pu­la­tio­nen auftre­ten.

In § 8 „Schutz­maß­nah­men bei Gefähr­dun­gen durch Ener­gien, Ingang­set­zen und Still­set­zen“ wird deshalb unter ande­rem folgen­des ausge­führt:

(1) Der Arbeit­ge­ber darf nur solche Arbeits­mit­tel verwen­den lassen, die gegen Gefähr­dun­gen ausge­legt sind durch

1. die von ihnen ausge­hen­den oder verwen­de­ten Ener­gien,

2. direk­tes oder indi­rek­tes Berüh­ren von Teilen, die unter elek­tri­scher Span­nung stehen, oder

3. Störun­gen ihrer Ener­gie­ver­sor­gung.

Die Arbeits­mit­tel müssen ferner so gestal­tet sein, dass eine gefähr­li­che elek­tro­sta­ti­sche Aufla­dung vermie­den oder begrenzt wird. Ist dies nicht möglich, müssen sie mit Einrich­tun­gen zum Ablei­ten solcher Aufla­dun­gen ausge­stat­tet sein.“

In § 8 sowie in den Folge­pa­ra­gra­phen sind noch eine Reihe weite­rer tech­ni­scher Anfor­de­run­gen aufge­führt, welche der Abwen­dung von Gefah­ren durch gespei­cherte Ener­gien dienen (siehe Kasten).

Kontrol­lier­ter Druck­ab­bau

Die Unfall­ur­sa­chen und deren Folgen sind ebenso viel­fäl­tig wie die Gründe für gespei­cherte Ener­gien. Der Vergleich mit der aufschäu­men­den Flasche verdeut­licht beispiels­weise, dass nicht nur der Druck, sondern auch die Form des Verschlus­ses wesent­lich bestimmt, ob die Flasche sicher geöff­net werden kann. Während bei einem Dreh­ver­schluss ein Teil des Drucks von dem Gewinde aufge­fan­gen werden kann und somit in den meis­ten Fällen ein kontrol­lier­ter Druck­ab­bau möglich ist, kann bei einem Cham­pa­gner­kor­ken die Ener­gie nur durch vorsich­ti­ges Öffnen und durch festes Umgrei­fen abge­baut werden. Über­tra­gen auf Anla­gen und Arbeits­mit­tel bedeu­tet dies, dass Möglich­kei­ten zum kontrol­lier­ten Ener­gie­ab­bau gege­ben sein müssen (vgl. § 8 Abs. 1, § 8 Abs. 5 sowie § 10 Abs. 3 Betr­SichV).

Möglich­kei­ten zur Über­prü­fung

Einer verschlos­se­nen Flasche kann von außen nicht ange­se­hen werden, ob, bezie­hungs­weise unter welchem Druck sie steht. Das führt – wie eingangs geschil­dert – zu Über­ra­schungs­ef­fek­ten bezie­hungs­weise anders ausge­drückt zu der Frage, ob die Situa­tion in jedem Fall rich­tig einge­schätzt werden kann. Deshalb soll­ten in Bezug auf Anla­gen und Arbeits­mit­tel Möglich­kei­ten vorhan­den sein, mittels derer gefahr­los über­prüft werden kann, ob noch gespei­cherte Rest­ener­gien vorhan­den sind.

Ursache-Wirkungsbetrachtung

Im Fall der Sekt­fla­sche sind die maßgeb­li­chen Beur­tei­lungs­fak­to­ren noch recht über­sicht­lich. Je komple­xer eine Anlage oder ein Arbeits­mit­tel ist, desto komple­xer ist jedoch auch die Ursache-Wirkungsbetrachtung für die in den Arbeits­pro­zess einge­bun­de­nen Perso­nen, weil zum Beispiel

  • austre­tende Medien sowohl zu Verbrühungen/Vereisungen als auch zu Beein­träch­ti­gun­gen der Atmung oder der Sicht führen können;
  • die Möglich­keit, einen Gegen­stand mit der eige­nen Körper­kraft unter Kontrolle zu halten, wesent­lich durch austre­tende Öle, plötz­lich anlie­gende Span­nung oder andere Wirkun­gen vermin­dert werden kann;
  • die Medien, in denen die Ener­gie gespei­chert ist, selbst gefähr­dend sein können, weil sie zum Beispiel ätzend oder giftig sind;
  • gespei­cherte elek­tri­sche Ener­gien durch Funken­bil­dung zu Brän­den oder Explo­sio­nen führen können.

Tech­ni­sche Schutz­maß­nah­men

Wie kann aber nun ein Weg gefun­den werden, um diesen oft uner­war­tet und mit großer Heftig­keit auftre­ten­den Gefähr­dun­gen wirk­sam begeg­nen zu können? Der Schlüs­sel hierzu liegt in der sorg­sam ausge­führ­ten Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung, in welcher möglichst alle denk­ba­ren Betriebs­be­din­gun­gen (also auch Reparatur- und Wartungs­ar­bei­ten sowie Hava­rien) berück­sich­tigt werden. Aus der Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung lassen sich zunächst die notwen­di­gen tech­ni­schen Schutz­maß­nah­men ablei­ten, wie zum Beispiel

  • Anzei­ge­sys­teme für gespei­cherte Ener­gien,
  • Ablass­ven­tile oder
  • Sperr­sys­teme.

Die Anwen­dung solcher Schutz­maß­nah­men setzt aller­dings zumeist das für das korrekte Verhal­ten notwen­dige umfäng­li­che Hinter­grund­wis­sen voraus, denn neben tech­ni­schen Ursa­chen führen oft auch Unwis­sen­heit, Leicht­sinn oder Fehl­ein­schät­zun­gen zu Unfäl­len. Aus diesem Grunde ist in den meis­ten Geset­zen, Verord­nun­gen und Vorschrif­ten veran­kert, dass dort, wo durch tech­ni­sche Maßnah­men allein keine ausrei­chende Sicher­heit erlangt werden kann, das korrekte Verhal­ten in Arbeits- und Betriebs­an­wei­sun­gen beschrie­ben werden muss.

Rich­ti­ges Verhal­ten

Arbeits- und Betriebs­an­wei­sun­gen enthal­ten in der Regel Hinweise zu Gefah­ren für Mensch und Umwelt, Schutz­maß­nah­men und Verhal­tens­re­geln (insbe­son­dere im Gefah­ren­fall, bei Störun­gen und bei Unfäl­len) sowie Hinweise zur Instand­hal­tung und Entsor­gung. Diese Inhalte stel­len ihrer­seits die wesent­lichs­ten Grund­la­gen für die Unter­wei­sung der Beschäf­tig­ten dar. Damit jedoch alle denk­ba­ren Betriebs­be­din­gun­gen sowie die dabei auftre­ten­den Gefähr­dun­gen berück­sich­tigt werden können, ist auch „Insi­der­wis­sen“, zum Beispiel zu beob­ach­te­tem Fehl­ver­hal­ten sowie zu Unfäl­len bezie­hungs­weise Beinahun­fäl­len, erfor­der­lich.

Insi­der­wis­sen“ nutzen

Über dieses Wissen verfü­gen häufig Sicher­heits­be­auf­tragte, da sie entwe­der selbst in die zu beur­tei­len­den Arbeits­pro­zesse einge­bun­den sind oder zumin­dest einen engen Bezug dazu haben. Sie können somit einen wich­ti­gen Beitrag dazu leis­ten, dass auch weni­ger offen­sicht­li­che (jedoch gege­be­nen­falls nicht minder gefähr­li­che) Aspekte in der
Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung berück­sich­tigt werden. Sicher­heits­be­auf­tragte können sowohl aktiv bei der Erstel­lung der Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung sowie der Arbeits- und Betriebs­an­wei­sun­gen mitwir­ken als auch diese Doku­mente dahin­ge­hend über­prü­fen, ob aus ihrer Sicht alle Aspekte berück­sich­tigt worden sind.

Ein weite­res wich­ti­ges Hand­lungs­feld für Sicher­heits­be­auf­tragte ist die direkte Anspra­che jener Beschäf­tig­ten, die Arbei­ten an poten­zi­ell gefähr­li­chen Anla­gen und Arbeits­mit­teln ausfüh­ren sollen. Betriebs­fremde oder noch nicht lange im Betrieb beschäf­tigte Perso­nen benö­ti­gen im beson­de­ren Maße Unter­stüt­zung, zum Beispiel indem sie auf beson­dere Gefah­ren­stel­len hinge­wie­sen werden oder indem sie die Arbeits- und Betriebs­an­wei­sun­gen erhal­ten.


Auszug aus der Betriebs­si­cher­heits­ver­ord­nung

Die Betriebs­si­cher­heits­ver­ord­nung (Betr­SichV) sieht folgende Mindest­an­for­de­run­gen zum Schutz vor gespei­cher­ten Ener­gien vor (Auszug):

§ 8 (4) Arbeits­mit­tel dürfen nur absicht­lich in Gang gesetzt werden können. Soweit erfor­der­lich, muss das Ingang­set­zen sicher verhin­dert werden können oder müssen sich die Beschäf­tig­ten Gefähr­dun­gen durch das in Gang gesetzte Arbeits­mit­tel recht­zei­tig entzie­hen können. Hier­bei und bei Ände­run­gen des Betriebs­zu­stands muss auch die Sicher­heit im Gefah­ren­be­reich durch geeig­nete Maßnah­men gewähr­leis­tet werden.

§ 8 (5) Vom Stand­ort der Bedie­nung des Arbeits­mit­tels aus muss dieses als Ganzes oder in Teilen so still­ge­setzt und von jeder einzel­nen Ener­gie­quelle dauer­haft sicher getrennt werden können, dass ein siche­rer Zustand gewähr­leis­tet ist. Die hier­für vorge­se­he­nen Befehls­ein­rich­tun­gen müssen leicht und unge­hin­dert erreich­bar und deut­lich erkenn­bar gekenn­zeich­net sein. Der Befehl zum Still­set­zen eines Arbeits­mit­tels muss gegen­über dem Befehl zum Ingang­set­zen Vorrang haben. Können bei Arbeits­mit­teln, die über Systeme mit Spei­cher­wir­kung verfü­gen, nach dem Tren­nen von jeder Ener­gie­quelle nach Satz 1 noch Ener­gien gespei­chert sein, so müssen Einrich­tun­gen vorhan­den sein, mit denen diese Systeme ener­gie­frei gemacht werden können. Diese Einrich­tun­gen müssen gekenn­zeich­net sein. Ist ein voll­stän­di­ges Ener­gie­frei­ma­chen nicht möglich, müssen an den Arbeits­mit­teln entspre­chende Gefah­ren­hin­weise vorhan­den sein.

§ 9 (1) Der Arbeit­ge­ber hat dafür zu sorgen, dass Arbeits­mit­tel unter Berück­sich­ti­gung der zu erwar­ten­den Betriebs­be­din­gun­gen so verwen­det werden, dass Beschäf­tigte gegen vorher­seh­bare Gefähr­dun­gen ausrei­chend geschützt sind. Insbe­son­dere müssen.

3. Arbeits­mit­tel, ihre Teile und die Verbin­dun­gen unter­ein­an­der den Belas­tun­gen aus inne­ren und äuße­ren Kräf­ten stand­hal­ten […]

11. Maßnah­men getrof­fen werden, die verhin­dern, dass außer Betrieb gesetzte Arbeits­mit­tel zu Gefähr­dun­gen führen […]

§ 10 (3) Der Arbeit­ge­ber hat alle erfor­der­li­chen Maßnah­men zu tref­fen, damit Instand­hal­tungs­ar­bei­ten sicher durch­ge­führt werden können. Dabei hat er insbe­son­dere […]

6. Gefähr­dun­gen durch bewegte oder ange­ho­bene Arbeits­mit­tel oder deren Teile sowie durch gefähr­li­che Ener­gien oder Stoffe zu vermei­den,

7. dafür zu sorgen, dass Einrich­tun­gen vorhan­den sind, mit denen Ener­gien besei­tigt werden können, die nach einer Tren­nung des instand zu halten­den Arbeits­mit­tels von Ener­gie­quel­len noch gespei­chert sind; diese Einrich­tun­gen sind entspre­chend zu kenn­zeich­nen […]

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