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Mehr Arbeit, mehr Risiko?

Präventionsempfehlungen in Zeiten guter Konjunktur
Mehr Arbeit, mehr Risiko?

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Welchen Einfluss hat die Konjunk­tur auf die Häufig­keit von Unfäl­len bei der Arbeit und wie kann man effek­tiv vorbeu­gen? Diesen Fragen widmete sich das Insti­tut für Arbeit und Gesund­heit der DGUV (IAG) in Dres­den im Auftrag der Unfall­ver­si­che­rungs­trä­ger und hat drei Präven­ti­ons­schwer­punkte erkannt. Der erste – Arbeits­zeit und Schicht­ar­beit – ist Schwer­punkt dieses Beitrags.

Dipl.-Psych. Anne Gehrke, Dipl.-Handelslehrer Michael Peters

Folgende Fakto­ren können in Phasen der Hoch­kon­junk­tur mit hoher Wahr­schein­lich­keit zu einem höhe­ren Unfall­ri­siko führen:
  • Lange Arbeits­zei­ten
  • Schicht­ar­beit
  • Zeit­ar­beit
  • Neuein­stel­lun­gen
  • Höhe­res Verkehrs­auf­kom­men
Das IAG hat in einer Lite­ra­tur­stu­die drei Präven­ti­ons­schwer­punkte heraus­ge­ar­bei­tet, die Betriebe dabei unter­stüt­zen können, diese Unfall­ri­si­ken zu mini­mie­ren. Neben den Themen Arbeitszeit/Schichtarbeit und Zeitarbeit/Neueinstellungen wurden auch Präven­ti­ons­emp­feh­lun­gen zur berufs­be­ding­ten Verkehrs­teil­nahme aufge­nom­men. Denn je stär­ker die Konjunk­tur, desto höher ist auch das Verkehrs­auf­kom­men. Gerade im Stra­ßen­ver­kehr aber ereig­nen sich häufig schwere Unfälle: Bei den tödli­chen Unfäl­len haben die Unfälle in der betrieb­li­chen Mobi­li­tät einen Anteil von fast 45 Prozent.
  • Arbeits­zeit und Schicht­ar­beit: Die meis­ten Vorschläge sind nicht neu. Auch die gesetz­li­che Unfall­ver­si­che­rung hat bereits eine Reihe von Empfeh­lun­gen zur Gestal­tung von Arbeits­zeit und Schicht­ar­beit heraus­ge­ge­ben. In vielen Betrie­ben werden sie jedoch noch nicht umge­setzt, obwohl auch der demo­gra­fi­sche Wandel hier rasches Handeln erfor­dert. Wesent­lich ist eine menschen- und alters­ge­rechte Gestal­tung der Dauer und Lage von Arbeits­zeit. Wenden Sie sich zur Bera­tung an das DGUV Sach­ge­biet Beschäf­ti­gungs­fä­hig­keit im Fach­be­reich Gesund­heit im Betrieb (Kontakt: Gudrun.Wagner@bghm.de).
  • Zeit­ar­beit und Neuein­stel­lun­gen: Das Phäno­men Zeit­ar­beit wird noch häufig unter­schätzt. Es exis­tie­ren nur wenige bran­chen­spe­zi­fi­sche Konzepte für den Umgang mit Beschäf­tig­ten in der Zeit­ar­beit. Deshalb wird empfoh­len, sich an den Erfah­run­gen und Vorschlä­gen des DGUV Sach­ge­bie­tes Zeit­ar­beit im Fach­be­reich Verwal­tung zu orien­tie­ren (Kontakt: Carsten.Zoelck@vbg.de).
  • Berufs­be­dingte Verkehrs­teil­nahme: Hier wird der Fokus auf die Ergän­zung der klas­si­schen Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung durch den ganz­heit­li­chen Ansatz des Projekts GUROM gelegt. Die in einem Internet-Portal reali­sierte Syste­ma­tik ist inno­va­tiv und für alle Betriebe anwend­bar. Weiter­hin wird die Initia­tive „Siche­rer Arbeits­weg“ vorge­stellt, in der sich über 30 Unter­neh­men und Insti­tu­tio­nen zusam­men­ge­fun­den haben, um gemein­sam die Zahl der Wege­un­fälle ihrer Beschäf­tig­ten zu redu­zie­ren. Empfoh­len wird die Kombi­na­tion beider Modelle. (Kontakt: Deut­scher Verkehrs­si­cher­heits­rat, info@dvr.de)
In drei Folgen werden wir über die wesent­li­chen Ergeb­nisse der Studie berich­ten. Schwer­punkt der aktu­el­len Ausgabe sind Arbeits­zeit und Schicht­ar­beit.
Arbeits­zeit ergo­no­misch gestal­ten
Dauer der Arbeits­zeit a) tägli­che Arbeits­zeit
  • Einhal­tung eines 8‑Stunden-Arbeitstages; Vermei­dung über­lan­ger tägli­cher Arbeits­zei­ten sowie von Über­stun­den
  • Schicht­länge an die Inten­si­tät der Arbeits­be­las­tung koppeln
b) wöchent­li­che Arbeits­zeit
  • Einhal­tung einer max. 40-Stunden- Woche; Vermei­dung über­lan­ger Wochen­ar­beits­zei­ten und Arbeits­pe­ri­oden
  • maxi­mal 5 Arbeits­tage hinter­ein­an­der
  • gleich­mä­ßige Wochen­ar­beits­zei­ten planen
Lage der Arbeitszeit/Tageszeit
  • Schicht­ar­beit – wenn möglich – vermei­den
  • Wochen­end­ar­beit – wenn möglich – vermei­den
  • Leis­tungs­an­for­de­run­gen in den Nacht­stun­den redu­zie­ren
  • Arbeits­zei­ten nicht zu früh begin­nen
  • Erho­lungs­zei­ten und Pausen ergo­no­misch gestal­ten
  • Pausen soll­ten zur Vermei­dung und nicht zur Kompen­sa­tion von Ermü­dung dienen: Es sollte mehr als eine orga­ni­sierte Pause fest einge­plant und zusätz­li­che frei wähl­bare (Kurz-)Pausen ermög­licht werden.
  • Besser sind kurze Pausen nach kurzen Arbeits­ab­schnit­ten als längere Pausen nach länge­ren Arbeits­ab­schnit­ten.
  • Arbeitspausen-Regelungen für Nacht­ar­beit soll­ten kürzere Arbeits­pe­ri­oden vorse­hen als für Tagar­beit.
  • In der Pause sollte etwas ande­res getan werden als in der Arbeit (z.B. Entspan­nen bei körper­li­cher Arbeit und Bewe­gung bei geis­ti­ger Arbeit).
  • Eine zeit­glei­che Pausen­or­ga­ni­sa­tion und sepa­rate Pausen­räume fördern den Infor­ma­ti­ons­aus­tausch und die Kommu­ni­ka­tion zwischen Mitar­bei­tern.
  • Schicht­ar­beit ergo­no­misch gestal­ten
  • Es soll­ten nicht mehr als drei Nacht­schich­ten aufein­an­der folgen.
  • Wenn Rota­tion, dann soll­ten Schich­ten vorwärts rotie­ren.
  • Vorwärts­ro­ta­tion“ bedeu­tet, dass Früh‑, Mittel‑, Spät- und Nacht­schicht­pe­ri­oden in dieser Reihen­folge aufein­an­der folgen. Dies entspricht offen­bar eher der biolo­gi­schen „inne­ren“ Uhr der meis­ten Menschen. Bei der Vorwärts­ro­ta­tion erge­ben sich auto­ma­tisch ausrei­chende Ruhe­zei­ten zwischen den Schicht­wech­seln. Bei der Rück­wärts­ro­ta­tion ist das nicht immer gege­ben.
  • Wenn Rota­tion, dann soll­ten Schich­ten schnell rotie­ren.
  • Um eine Anhäu­fung von Schlaf­de­fi­zi­ten zu vermei­den, soll­ten nur zwei und auf keinen Fall mehr als drei „frühe“ Früh­schich­ten hinter­ein­an­der gelegt werden. Ähnli­ches gilt auch für die Anzahl der Nacht­schich­ten. In Unter­su­chun­gen konnte belegt werden, dass die rela­tive Unfall­häu­fig­keit mit der Anzahl der Nacht­schich­ten zunimmt.
  • Es soll­ten nicht mehr als fünf Schich­ten aufein­an­der folgen, um eine Massie­rung der Arbeits­zeit zu vermei­den.
  • Der letz­ten Nacht­schicht soll­ten mindes­tens zwei freie Tage folgen.
  • Gene­rell wird von Arbeits­wis­sen­schaft­lern empfoh­len, den Anteil der Nacht­ar­beit zu redu­zie­ren. Je mehr Nacht­schich­ten aufein­an­der folgen, umso länger braucht der Körper, die erfolg­ten Teil­an­pas­sun­gen wieder rück­gän­gig zu machen. In zwei freien Tagen nach einer Nacht­schicht­phase kann sich der Tages­rhyth­mus wieder stabi­li­sie­ren und das bei den meis­ten Menschen auftre­tende Schlaf­de­fi­zit kann ausge­gli­chen werden.
  • Die Frei­zei­ten soll­ten im Block genom­men werden, nicht als einzelne Tage.
  • Für Schicht­ar­bei­ter, deren soziale Kontakte ohne­hin bereits durch Spät- und Nacht­schich­ten einge­schränkt sind, wird freie Zeit am Wochen­ende zusätz­lich wich­tig. In das Wochen­ende hinein­rei­chende Arbeits­zei­ten schmä­lern die Erho­lungs­funk­tion bzw. die Nutzungs­mög­lich­kei­ten. Unter „geblock­ter Wochen­end­frei­zeit“ wird ein freies Wochen­ende mit einer arbeits­freien Zeit von 0.00 bis 24.00 Uhr an zwei oder mehr Tagen verstan­den.
  • Die Früh­schicht sollte nicht zu früh begin­nen, die Spät­schicht nicht zu spät enden.
  • Ein sehr früher Schicht­be­ginn führt häufig zu einem Schlaf­de­fi­zit bei den Betrof­fe­nen. Unter­su­chun­gen zeigen, dass die durch­schnitt­li­che Schlaf­dauer unmit­tel­bar mit der Uhrzeit des Schicht-beginns zusam­men­hän­gen. Die Anzahl der „frühen“ Früh­schich­ten sollte nach Möglich­keit begrenzt werden. Ähnli­ches gilt für die Spät­schicht. Auch hier wird durch ein spätes Arbeits­ende und mögli­cher­weise hinzu­kom­mende Fahrt­zeit nach Hause der Schlaf weit hinaus­ge­scho­ben. Deshalb sollte auch die Anzahl der aufein­an­der folgen­den „späten“ Spät­schich­ten beschränkt werden.
  • Bei Schicht­ar­beit sollte auf ältere Arbeit­neh­mer Rück­sicht genom­men werden. Durch erhöh­ten Erho­lungs­be­darf ist die Gruppe der älte­ren Arbeit­neh­mer durch Nacht- und Schicht­ar­beit bzw. unre­gel­mä­ßige Arbeits­zei­ten stär­ker bean­sprucht als junge Mitar­bei­ter.
  • Fami­liäre Belas­tun­gen soll­ten eben­falls berück­sich­tigt werden.
  • Schicht­ar­beit stellt berufs­tä­tige Eltern vor die Aufgabe, die Kinder­be­treu­ung durch Kinder­gar­ten, Schule oder Tages­mut­ter mit ihren eige­nen mehr oder weni­ger unre­gel­mä­ßig wech­seln­den Arbeits­zei­ten in Einklang zu brin­gen. Wo es möglich ist, kann beispiels­weise durch die Einrich­tung betrieb­li­cher Kinder­be­treu­ungs­mög­lich­kei­ten eine Lösung geschaf­fen werden.
Die Schicht­ar­bei­ten­den soll­ten folgende Präven­ti­ons­emp­feh­lun­gen beach­ten:
  • abge­schirm­ter Schlaf­raum (dunkel, kühl, ruhig)
  • Ernäh­rung: Haupt­mahl­zei­ten immer zur glei­chen Uhrzeit einneh­men, am besten kurz vor der Nacht­schicht; nach Mitter­nacht eine leichte, warme Mahl­zeit; während der Arbeit kein defti­ges Essen zu sich nehmen; eine kleine, leichte Mahl­zeit gegen 4:00 Uhr zur Über­brü­ckung des früh­mor­gend­li­chen Tiefs (danach nichts mehr essen, um den späte­ren Schlaf nicht zu stören); viel Wasser trin­ken.
  • akti­vie­ren­des Tages­licht beach­ten: sich vor dem Schlaf nicht unnö­tig der Sonnen­strah­lung ausset­zen (bei Heim­fahrt Sonnen­brille aufset­zen), Schlaf­raum abdun­keln; nach dem Schlaf Aufent­halt im Freien zur Akti­vie­rung nutzen.
  • gute Planung der freien Zeit, um aktiv am sozia­len Leben teil­neh­men zu können.
Lesen Sie bitte auch in den beiden nächs­ten Ausga­ben, was zu den Themen Zeitarbeit/Neueinstellungen und Berufs­be­ding­ter Verkehrs­teil­nahme empfoh­len wird.
Lite­ra­tur zum Thema:
  • DGUV Report 1/2012: Schicht­ar­beit – Rechts­lage, gesund­heit­li­che Risi­ken und Präventions-möglichkeiten
  • Leit­fa­den zur Einfüh­rung und Gestal­tung von Nacht- und Schicht­ar­beit. 9. Auflage. BAuA 2005
Autoren
Dipl.-Psych. Anne Gehrke Insti­tut für Arbeit und Gesund­heit der Deut­schen Gesetz­li­chen Unfall­ver­si­che­rung
Dipl.-Handelslehrer Michael Peters Leiter des Berei­ches „Lernen und elek­tro­ni­sche Medien“ in der Abtei­lung Forschung und Bera­tung des IAG
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