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Substitution Teil 3

Gefah­ren­ab­schät­zung und Anwen­dungs­bei­spiele

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Befass­ten sich die ersten beiden Teile dieser Arti­kel­se­rie mit recht­li­chen Aspek­ten und allge­mei­nen Infor­ma­tio­nen sowie den Grund­la­gen der Substi­tu­tion, stehen nun die Krite­rien der Gefah­ren­ab­schät­zung im Mittel­punkt. Außer­dem zeigen wir Beispiele für die Anwen­dung der Substi­tu­tion.

Dr. Birgit Stöff­ler

Krite­rien zur Gefah­ren­ab­schät­zung

Ziel der Substi­tu­tion ist es, die Gefah­ren bzw. die Gefähr­dung zu redu­zie­ren. Für die Gefah­ren bzw. die Gefähr­dung gibt es eine Viel­zahl an Krite­rien, die im folgen­den Abschnitt näher beschrie­ben werden.

Leit­kri­te­rien der TRGS 600

Die TRGS 600 nennt zahl­rei­che Leit­kri­te­rien, um die Vorauswahl von Substi­tu­ti­ons­mög­lich­kei­ten zu erleich­tern und so die Gefah­ren beim Einsatz von Gefahr­stof­fen zu verrin­gern. Sie legt z.B. detail­liert fest, wie sich Gefähr­dun­gen aufgrund der gesund­heits­ge­fähr­li­chen Eigen­schaf­ten, der physikalisch‐chemischen Eigen­schaf­ten und dem Frei­set­zungs­ver­hal­ten eines Stof­fes durch Substi­tu­tion redu­zie­ren lassen.
Die Anga­ben aus der TRGS 600 werden hier zur besse­ren Über­sicht­lich­keit in Form von Tabel­len darge­stellt. Gleich­zei­tig sind die Anga­ben an die neue Gefahr­stoff­kenn­zeich­nung nach CLP‐Verordnung ange­passt.
Tabelle 1 zeigt am Beispiel der gesund­heits­ge­fähr­li­chen Eigen­schaf­ten die Leit­kri­te­rien aus der TRGS 600.
Tabelle 2 zeigt am Beispiel des Frei­set­zungs­po­ten­zi­als die Leit­kri­te­rien aus der TRGS 600.

Gesund­heits­ge­fah­ren – akute und chro­ni­sche

Beim Pikto­gramm „Ätzwir­kung“ ist eine Beson­der­heit zu beach­ten: Ätzwir­kung ist nicht gleich Ätzwir­kung.
Es gibt zwei Arten von Ätzwir­kun­gen, die mit diesem einen Pikto­gramm symbo­li­siert werden:
Die beiden unter­schied­li­chen Arten von Ätzwir­kun­gen sind in zwei verschie­de­nen Rubri­ken des Spal­ten­mo­dells zu finden. Tabelle 3 zeigt den entspre­chen­den Ausschnitt aus dem Spal­ten­mo­dell.
Die Metall­kor­ro­sion wird nur der Gefah­ren­stufe „mittel“ zuge­ord­net, während die Ätzwir­kun­gen auf Augen bzw. Haut den Gefah­ren­stu­fen „hoch“ bzw. „mittel“ zuzu­ord­nen sind. Das Pikto­gramm „Ätzwir­kung“ findet sich also in zwei unter­schied­li­chen Gefah­ren­stu­fen und Spal­ten wieder. Die H‐Sätze bezeich­nen die Gefah­ren genauer und sind deshalb bei der Substi­tu­ti­ons­prü­fung heran­zu­zie­hen.
Noch unter­schied­li­cher als beim Pikto­gramm „Ätzwir­kung“ sind die Gefah­ren­stu­fen beim Pikto­gramm „Gesund­heits­ge­fahr“ verteilt. Im Spal­ten­mo­dell ist das Pikto­gramm „Gesund­heits­ge­fahr“ insge­samt bei vier verschie­de­nen Gefah­ren­stu­fen (von „sehr hoch“ bis „gering“) vorhan­den, wie Tabelle 4 zeigt. Die Höhe der Gefah­ren­stufe ist daher immer über die Gefah­ren­hin­weise (H‐Sätze) und nicht anhand des Gefah­ren­pik­to­gramms zu ermit­teln.

Gefah­ren durch das Frei­set­zungs­ver­hal­ten Aggre­gat­zu­stand

Eine sehr hohe Gefahr geht grund­sätz­lich von
  • Gasen,
  • stau­ben­den Fest­stof­fen oder
  • Aero­so­len
aus.
Bei Flüs­sig­kei­ten ist das Frei­set­zungs­ver­hal­ten und die damit verbun­dene Gefahr von der Höhe des Dampf­drucks abhän­gig, wie Tabelle 3 in Teil 1 dieser Arti­kel­se­rie (Sicher­heits­in­ge­nieur 07/2015) bereits gezeigt hat.

Dampf­druck

Ziel der Substi­tu­tion ist es, bei der Gesamt­be­trach­tung aller Leit­kri­te­rien eine Verrin­ge­rung der Gefähr­dung zu errei­chen. Im Rahmen der Substi­tu­ti­ons­prü­fung kann es dabei durch­aus vorkom­men, dass das Frei­set­zungs­ver­hal­ten – hier also die Höhe des Dampf­drucks – im Einzel­fall entschei­den­der ist als z.B. die Höhe der Gesund­heits­ge­fah­ren.
Das gilt aber nur für die Gefah­ren­stufe „vernach­läs­sig­bar“ in der Spalte „Frei­set­zungs­ver­hal­ten“, also für Flüs­sig­kei­ten mit sehr gerin­gem Dampf­druck oder aber bei einem beträcht­li­chen Unter­schied der Dampf­drü­cke von Stoff und mögli­chem Ersatz­stoff.
TRGS 600: 4. Leit­kri­te­rien für die Vorauswahl aussichts­rei­cher Substi­tu­ti­ons­mög­lich­kei­ten
(7) (…) So kann es z.B. im Einzel­fall zu einer insge­samt gerin­ge­ren gesund­heit­li­chen Gefähr­dung führen, einen Stoff mit gefähr­li­che­ren Eigen­schaf­ten einzu­set­zen, der (…) einen sehr gerin­gen Dampf­druck besitzt, als einen Stoff mit weni­ger gefähr­li­chen Eigen­schaf­ten, der aber (…) einen beträcht­lich höhe­ren Dampf­druck besitzt.
Welche Einzel­fälle können dies sein? Zur Illus­tra­tion ein Stoff­bei­spiel – siehe Tabelle 5: Dime­thyl­sul­fat ist aufgrund seiner Kenn­zeich­nung mit den Gefah­ren­hin­wei­sen H330 und H350 mit sehr hohen Gesund­heits­ge­fah­ren verbun­den. Der Dampf­druck von nur 0,35 hPa bei 20 °C ist der Gefah­ren­stufe vernach­läs­sig­bar zuzu­ord­nen.
Bewer­tet man den Stoff nach dem Spal­ten­mo­dell, erge­ben sich folgende Gefah­ren­stu­fen, wie Tabelle 6 zeigt.
Durch den gerin­gen Dampf­druck ist die Frei­set­zungs­ge­fahr bezo­gen auf die „inha­la­tive“ Expo­si­tion (Einat­men) nur noch sehr gering. Damit rela­ti­viert der nied­rige Dampf­druck zwar den Gefah­ren­satz H330 „Lebens­ge­fahr bei Einat­men“, nicht aber den Gefah­ren­satz H350 „Kann Krebs erzeu­gen“. Dies gilt auch für die ande­ren Expo­si­ti­ons­wege „oral“ (Verschlu­cken, hier H301) oder „dermal“ (Haut­kon­takt, hier H317 und H314). Die Gesund­heits­ge­fahr bleibt damit weiter­hin in der Gefah­ren­stufe „sehr hoch“ trotz des sehr nied­ri­gen Dampf­drucks.
Auch wenn z.B. von einer Flüs­sig­keit mit einem sehr gerin­gen Dampf­druck nur eine „vernach­läs­sig­bare“ Frei­set­zungs­ge­fahr ausgeht, soll­ten insbe­son­dere Gefahr­stoffe mit sehr hohen bzw. hohen Gesund­heits­ge­fah­ren mit hoher Prio­ri­tät substi­tu­iert werden.

Gefähr­dungs­zahl bei Flüs­sig­kei­ten

Bei der Frei­set­zungs­ge­fahr von Flüs­sig­kei­ten ist neben der Dampf­druck­höhe auch die Höhe des Arbeits­platz­grenz­wer­tes (AGW) entschei­dend.
In Tabelle 1 wurde als erstes Leit­kri­te­rium für Substi­tu­ti­ons­mög­lich­kei­ten die Höhe des Arbeits­platz­grenz­wer­tes genannt. Aller­dings wird zwischen Flüs­sig­kei­ten und Fest­stof­fen unter­schie­den: Bei Flüs­sig­kei­ten ist nicht der Arbeits­platz­grenz­wert allein rele­vant, sondern das Verhält­nis, in welchem er zum Dampf­druck steht.
Im Folgen­den wird dieses „Verhält­nis von Arbeits­platz­grenz­wert zum Dampf­druck“ näher erklärt. Dazu werden die Arbeits­platz­grenz­werte von drei Flüs­sig­kei­ten, deren Dampf­drü­cke und die soge­nann­ten Gefähr­dungs­zah­len gegen­über­ge­stellt:
  • Aceton,
  • Dichlor­me­than
  • DBE (Diba­si­sche Ester: Gemi­sche aus Dime­thy­la­di­pat, Dime­thyl­glutarat und Dime­thyl­suc­ci­nat)
Zuerst folgt der Vergleich der Arbeits­platz­grenz­werte – siehe Tabelle 7.
Das „Zwischen“-Ergebnis nur (!) aufgrund des Vergleichs der „Höhe der Arbeits­platz­grenz­werte“ lautet: Aceton und Dichlor­me­than sind „siche­rer“, da deren Grenz­werte um ein Viel­fa­ches höher liegen als der von DBE.
Eine weitere notwen­dige Kenn­größe zum Vergleich der inha­la­ti­ven Gefähr­dung ist die Flüch­tig­keit eines Stof­fes, ausge­drückt durch den Dampf­druck. Wenn man nur die Dampf­drü­cke mitein­an­der vergleicht, zeigt Tabelle 8 ein ande­res Zwischen­er­geb­nis.
Aceton hat zwar den höchs­ten Arbeits­platz­grenz­wert, aber auch einen rela­tiv hohen Dampf­druck. Dadurch wird der Arbeits­platz­grenz­wert bei Aceton schnel­ler erreicht und gege­be­nen­falls über­schrit­ten. Dasselbe gilt für Dichlor­me­than (Altnau 2001b).
Diba­si­sche Ester mit einem zwar rela­tiv nied­ri­gen Arbeits­platz­grenz­wert, aber gleich­zei­tig auch einem viel nied­ri­ge­ren Dampf­druck sind daher als ein „weni­ger gefähr­li­ches“ Löse­mit­tel anzu­se­hen, weil sie viel lang­sa­mer verduns­ten und unter Normal­be­din­gun­gen ihren Grenz­wert even­tu­ell gar nicht errei­chen (Altnau 2001a).
Damit sollte klar sein:
Nur der Vergleich der Grenz­werte oder nur der Vergleich der Dampf­drü­cke reicht für die Einschät­zung der Gefähr­dung (noch) nicht aus.
Erst wenn man das Verhält­nis von Arbeits­platz­grenz­wert zu Dampf­druck betrach­tet, erhält man einen aussa­ge­kräf­ti­gen Vergleich der inha­la­ti­ven Gefähr­dun­gen, ausge­drückt in der soge­nann­ten Gefähr­dungs­zahl.
Die Gefähr­dungs­zahl (GZ) berech­net sich wie folgt:
Dabei bedeu­tet eine hohe Gefähr­dungs­zahl eine hohe Gefähr­dung, eine nied­rige Gefähr­dungs­zahl eine nied­ri­gere Gefähr­dung (Altnau 2001b). Tabelle 9 zeigt die Gefähr­dungs­zah­len der drei Flüs­sig­kei­ten.
Was bedeu­tet dies nun für den Arbeits­platz­grenz­wert bzw. dessen Einhal­tung? Dies wird in Abbil­dung 1 erklärt: Aceton hat eine Gefähr­dungs­zahl von 467. Das heißt, man muss einen mit Aceton gesät­tig­ten Kubik­me­ter Luft mit 467 m³ Frisch­luft verdün­nen, damit der Arbeits­platz­grenz­wert einge­hal­ten wird. Bei DBE liegt dieser Wert bei nur 50 m³ (Altnau 2001b).
Die Gefähr­dungs­zahl ist ein sehr hilf­rei­ches Instru­ment, um die inha­la­tive Gefähr­dung bei der Frei­set­zung von vielen verschie­de­nen Flüs­sig­keits­dämp­fen an einem Arbeits­platz mitein­an­der zu verglei­chen.
Sie ist von der Tempe­ra­tur abhän­gig. Beim Vergleich von zwei Substan­zen muss deshalb darauf geach­tet werden, dass jeweils die Dampf­drü­cke bzw. die Gefähr­dungs­zah­len bei glei­cher Tempe­ra­tur vergli­chen werden. In vielen Fällen wird eine Raum­tem­pe­ra­tur von 20 °C zutref­fen.
Oft erge­ben sich durch unter­schied­li­che Lite­ra­tur­an­ga­ben zum Dampf­druck unter­schied­li­che Werte für die Gefähr­dungs­zahl (z.B. Aceton: 467 oder 488). Entschei­dend für die Beur­tei­lung der Gefähr­dung und die Auswahl von Schutz­maß­nah­men ist aber nicht der exakte Wert, sondern die Größen­ord­nung der Gefähr­dungs­zahl.
Tabelle 10 zeigt den Zusam­men­hang zwischen der Höhe der Gefähr­dungs­zahl und Maßnah­men bei Grenz­wert­über­schrei­tung. Dieser Sach­ver­halt stammt aus dem inzwi­schen zurück­ge­zo­ge­nen BG Merk­blatt M 051 „Gefähr­li­che chemi­sche Stoffe“, das aber nach wie vor für die (verglei­chende) Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung von Flüs­sig­kei­ten sehr hilf­reich ist. Für einige ausge­wählte Stoffe sind die Gefähr­dungs­zah­len in Abbil­dung 2 diagramm­ar­tig darge­stellt.
Leider wird in der Praxis immer noch oft die Höhe der Arbeits­platz­grenz­werte mitein­an­der vergli­chen und nicht die Höhe der Gefähr­dungs­zah­len. Die Folge davon ist, dass unter Umstän­den über die Auswahl von Schutz­maß­nah­men falsch entschie­den wird: „Bei einem so hohen Grenz­wert brau­chen wir keine Quel­len­ab­sau­gung“ (Altnau 2001b).
Eine Substi­tu­tion ist dann zu empfeh­len, wenn die Gefähr­dungs­zahl für den Ersatz­stoff mindes­tens 5‐fach gerin­ger ist als die des zu erset­zen­den Stof­fes (Debia et al 2009).

Stau­bungs­ver­hal­ten bei Fest­stof­fen

Das Stau­bungs­ver­hal­ten von Fest­stof­fen kann bei einer Substi­tu­ti­ons­prü­fung im Einzel­fall sogar entschei­den­der sein als z.B. die Höhe der Gesund­heits­ge­fah­ren. Das gilt aber nur für die Gefah­ren­stufe „vernach­läs­sig­bar“ in der Spalte „Frei­set­zungs­ver­hal­ten“, also bei Fest­stof­fen in nicht stau­ben­der Form.
TRGS 600: 4. Leit­kri­te­rien für die Vorauswahl aussichts­rei­cher Substi­tu­ti­ons­mög­lich­kei­ten
(7) (…) So kann es z.B. im Einzel­fall zu einer insge­samt gerin­ge­ren gesund­heit­li­chen Gefähr­dung führen, einen Stoff mit gefähr­li­che­ren Eigen­schaf­ten einzu­set­zen, der in einer nicht stau­ben­den Form erhält­lich ist (…) als einen Stoff mit weni­ger gefähr­li­chen Eigen­schaf­ten, der aber nur in stau­ben­der Form am Markt verfüg­bar ist (…).
Im Spal­ten­mo­dell der TRGS 600 wird die Gefähr­dung durch das Stau­bungs­ver­hal­ten nur sehr grob unter­schie­den in „sehr hoch“ für stau­bende Fest­stoffe bzw. „vernach­läs­sig­bar“ für nicht stau­bende Fest­stoffe – siehe Tabelle 3 in Teil 1 dieser Arti­kel­se­rie (Sicher­heits­in­ge­nieur 07/2015).
Genauere Anga­ben zum Stau­bungs­ver­hal­ten sind im „Einfa­chen Maßnah­men­kon­zept für Gefahr­stoffe“ (EMKG) genannt, das zumin­dest drei Frei­set­zungs­grup­pen unter­schei­det. Tabelle 11 beschreibt die drei Frei­set­zungs­grup­pen für Fest­stoffe aus dem EMKG.
Fest­stoff­for­men, die weni­ger stau­ben, werden auch als emis­si­ons­arm bezeich­net. In der TRGS 400 werden sie beispiel­haft genannt:
TRGS 400: 6.2 Tätig­kei­ten mit gerin­ger Gefähr­dung
2. (…) Eine nied­rige inha­la­tive Expo­si­tion kann z.B. bei Fest­stof­fen unter Einsatz emis­si­ons­ar­mer Verwen­dungs­for­men wie Pasten, Wachse, Granu­late, Pellets oder Master­bat­ches vorlie­gen.

Gefah­ren durch das Verfah­ren

Bei Verfah­ren gibt es wie bei Stof­fen unter­schied­lich großes Gefährdungspoten‐zial. Entspre­chend können auch Verfah­ren durch weni­ger gefähr­li­che oder weni­ger risi­ko­be­haf­tete Verfah­ren ersetzt werden. Beson­dere Bedeu­tung im Zusam­men­hang mit der Substi­tu­ti­ons­prü­fung bzw. mit einer nicht mögli­chen Substi­tu­tion hat das soge­nannte „geschlos­sene“ System:
GefStoffV: § 9 Zusätz­li­che Schutz­maß­nah­men
(2) Der Arbeit­ge­ber hat sicher­zu­stel­len, dass Gefahr­stoffe in einem geschlos­se­nen System herge­stellt und verwen­det werden, wenn die Substi­tu­tion (…), tech­nisch nicht möglich ist (…)
Eine offene Verar­bei­tung ist im Spal­ten­mo­dell der Gefah­ren­stufe „sehr hoch“ zuge­ord­net – siehe Tabelle 4 in Teil 1 dieser Arti­kel­se­rie (Sicher­heits­in­ge­nieur 07/2015). Eben­falls in Tabelle 4 werden offene bzw. geschlos­sene Verfah­ren in Verbin­dung mit dem soge­nann­ten „Verfah­rens­in­dex“ nach TRGS 500 „Schutz­maß­nah­men“ näher beschrie­ben. Der Verfah­rens­in­dex wird in der TRGS 500 so erklärt: Je höher der Verfah­rens­in­dex ist, umso „offe­ner“ ist das Verfah­ren.
TRGS 500: 6.2.1 Herstel­lung und Verwen­dung im geschlos­se­nen System
(4) Der Verfah­rens­in­dex charak­te­ri­siert das durch die tech­ni­sche Lösung verblei­bende verfah­rens­be­dingte Expo­si­ti­ons­po­ten­zial und kann die Werte 0,25, 0,5, 1, 2 und 4 anneh­men. Für ein geschlos­se­nes System muss der Verfah­rens­in­dex 0,25 (…) betra­gen.
In der TRGS 500 finden sich Ausfüh­rungs­bei­spiele für Bauteile, die den Verfah­rens­in­dex von 0,25 – also ein geschlos­se­nes System – einhal­ten, wenn z.B. eine Substi­tu­tion tech­nisch nicht möglich ist. Für den Fall, dass mit dem genann­ten Ausfüh­rungs­bei­spiel dieser nied­rige Verfah­rens­in­dex von 0,25 nicht einge­hal­ten werden kann, nennt die TRGS Zusatz­maß­nah­men, um höhere Verfahrensin‐dices entspre­chend abzu­sen­ken. Da geschlos­sene Systeme (mit einem Verfah­rens­in­dex von 0,25) nicht immer reali­sier­bar sind, wird in der betrieb­li­chen Praxis oft ein höhe­rer Verfah­rens­in­dex als 0,25 zu finden sein.

Aero­sole – aero­sol­freie Verfah­ren

Zu den aero­sol­bil­den­den Verfah­ren zählt z.B. die Sprüh­des­in­fek­tion (BG‐Empfehlung 1039). Aero­sole entste­hen, wenn eine Flüs­sig­keit z.B. durch Anwen­dung einer Spray­dose mit Luft­druck oder Treib­gas durch eine Düse gepresst wird. Wenn diese klei­nen Flüs­sig­keits­teil­chen versprüht werden, können sie tief in die Lunge einge­at­met werden oder sich auf der Haut nieder­schla­gen und so die Gesund­heit gefähr­den.
Eine gerin­gere Gesund­heits­ge­fahr ergibt sich durch den Einsatz von Wisch­ver­fah­ren anstatt von Sprüh­ver­fah­ren, z.B. beim Einsatz von Desin­fek­ti­ons­mit­teln. In Abbil­dung 3 wird noch einmal verdeut­licht, dass die Entste­hung von Aero­so­len bei der Sprüh­des­in­fek­tion – also z.B. durch die Anwen­dung von Sprüh­fla­schen – so weit wie möglich vermie­den werden sollte und daher Wisch­ver­fah­ren bevor­zugt einzu­set­zen sind.
Dass von Aero­so­len spezi­fi­sche Gefah­ren ausge­hen, zeigt sich auch daran, dass es für Aero­sole eigene Gefah­ren­hin­weise gibt:
  • H222: Extrem entzünd­ba­res Aero­sol
  • H223: Entzünd­ba­res Aero­sol
Wenn sich also heraus­stellt, dass z.B. nicht auf ein bestimm­tes Desin­fek­ti­ons­mit­tel verzich­tet werden kann, gibt es immer noch Möglich­kei­ten, durch Verfah­rens­än­de­run­gen die Gefähr­dung zu redu­zie­ren.
TRGS 525: 7.1.2 Ersatz­stoff­prü­fung und Prüfung alter­na­ti­ver Verfah­ren
(2) Im Rahmen der chemi­schen Desin­fek­tion ist zu prüfen, ob Gefähr­dun­gen durch Verfah­rens­än­de­rung (z.B. Einsatz maschi­nel­ler Verfah­ren in der Instru­men­ten­des­in­fek­tion, Verzicht auf Ausbrin­gungs­ver­fah­ren mit Aero­sol­bil­dung bei der Flächen­des­in­fek­tion) verrin­gert werden können.

Substi­tu­tion – Beispiele

Verwen­dungs­zweck: Metha­nol – Etha­nol
Kann „gifti­ges“ Metha­nol in allen Fällen durch „nicht gifti­ges“ Etha­nol ersetzt werden, wie oft behaup­tet wird? Tabelle 12 stellt die Stoff­ei­gen­schaf­ten von Metha­nol und Etha­nol gegen­über.
Abbil­dung 4 zeigt die Anwen­dung des Spal­ten­mo­dells für Metha­nol und Etha­nol im Rahmen der Substi­tu­ti­ons­prü­fung.
Der Ersatz­stoff Etha­nol schnei­det im Vergleich zum einge­setz­ten Stoff Metha­nol in der Spalte Gesund­heit um zwei Stufen besser ab. In keiner weite­ren Spalte ergibt sich eine Erhö­hung der Gefahr. Folg­lich sollte doch Metha­nol immer durch Etha­nol ersetzt werden, weil sich dadurch eine deut­lich gerin­gere Gesund­heits­ge­fahr ergibt.
Aber: Es muss auch immer der Verwen­dungs­zweck des Stof­fes berück­sich­tigt werden. Tabelle 13 zeigt unter­schied­li­che Verwen­dungs­zwe­cke am Beispiel Metha­nol.
Soll z.B. aus Rapsöl und Metha­nol durch eine soge­nannte „Umeste­rung“ Rapsöl‐Methylester (Biodie­sel) entste­hen, dann funk­tio­niert diese Reak­tion nur mit Metha­nol, nicht aber mit Etha­nol, denn dann würde „Ethyl­es­ter“ – also ein ande­res chemi­sches Produkt – entste­hen. In diesem Fall muss folg­lich auf die Substi­tu­tion verzich­tet werden mit der Begrün­dung, dass der Ersatz­stoff Etha­nol „tech­nisch nicht geeig­net“ ist: Mit Etha­nol entsteht nicht das gewünschte Produkt – der Methyl­es­ter (Barn­hu­sen 2014).

Labor

Auch im Labor wird eine Substi­tu­ti­ons­prü­fung für Stoffe und Verfah­ren vorge­schrie­ben. In der DGUV Infor­ma­tion 213–850 werden einige Beispiele für Ersatz­stoffe mit gerin­ge­ren Gefähr­dun­gen aufge­führt.
DGUV Infor­ma­tion 213–850:
  • 3.6 Substi­tu­tion von Gefahr­stof­fen
  • Ersatz­stoffe und Ersatz­ver­fah­ren
Im Rahmen der Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung ist zu prüfen, ob eine Substi­tu­tion von Gefahr­stof­fen oder Verfah­ren eine Verrin­ge­rung der Gefähr­dun­gen ermög­licht. Bei der Entschei­dung der Substi­tu­tion ist stets die resul­tie­rende Gesamt­ge­fähr­dung zu beur­tei­len, die sich aus den Stoff­ei­gen­schaf­ten, dem Verfah­ren und der Expo­si­ti­ons­mög­lich­keit ergibt. Siehe auch TRGS 600.
Beispiele für den Ersatz von gefähr­li­che­ren Stof­fen durch weni­ger gefähr­li­che sind die Verwen­dung von Cyclo­he­xan oder Toluol anstelle von Benzol zum Ausschlep­pen von Wasser oder von tert.-Butylmethylether, der nicht zur Bildung von Peroxi­den neigt, anstelle von Diethyl­ether, oder von Aceton durch Butanon‐2 oder von n‐Hexan durch Cyclo­he­xan, Heptan oder Octan.
Auch zu mögli­chen Ersatz­ver­fah­ren für das Labor nennt die DGUV Infor­ma­tion 213–850 einige Beispiele:
DGUV Infor­ma­tion 213–850:
  • 3.6 Substi­tu­tion von Gefahr­stof­fen
Auch in der Analy­tik sind Substi­tu­tio­nen möglich, beispiels­weise lässt sich das photo­me­tri­sche Verfah­ren zur Bestim­mung von Form­alde­hyd mit Para­ro­s­a­ni­lin vorteil­haft durch ein HPLC‐Verfahren erset­zen.
Die zu Lehr­zwe­cken gerne durch­ge­führte Synthese von Kris­tall­vio­lett lässt sich durch die Synthese von Ethyl­vio­lett erset­zen, die das krebs­er­zeu­gende Mich­lers Keton vermei­det.
Auch bei den Reini­gungs­mit­teln lassen sich Alter­na­ti­ven finden.
Auch Verfah­ren können substi­tu­iert werden. So kann die Verwen­dung von Phos­gen aus Druck­gas­fla­schen gerade beim Verwen­den von klei­nen Mengen durch die gut steu­er­bare und jeder­zeit zu unter­bre­chende Phos­gen­ent­wick­lung aus Di‐ oder Triphos­gen ersetzt werden.

Desin­fek­ti­ons­mit­tel

Desin­fek­ti­ons­mit­tel töten Mikro­or­ga­nis­men ab oder inak­ti­vie­ren diese und enthal­ten deshalb oft Inhalts­stoffe, die irrever­si­ble Gesund­heits­schä­den verursa‐chen, z.B. krebs­er­zeu­gende, erbgutverän‐dernde oder sensi­bi­li­sie­ren de Stoffe. Deshalb soll­ten diese bevor­zugt auf mögli­che Ersatz­stoffe über­prüft werden (Eick­mann et al 2007).
Bei den folgen­den Inhalts­stof­fen von Desin­fek­ti­ons­mit­teln sind in der Tabelle 14 die H‐Sätze, die diese irrever­si­blen Gesund­heits­schä­den beschrei­ben, rot hinter­legt. Es soll­ten – sofern möglich – Desin­fek­ti­ons­mit­tel ohne die oben genann­ten irrever­si­blen Gesund­heits­schä­den einge­setzt werden, voraus­ge­setzt, sie erfül­len die benö­tigte desin­fi­zie­rende Funk­tion.
Form­alde­hyd: Kenn­zeich­nung als krebs­er­zeu­gend
Form­alde­hyd ist in der 6. Ände­rungs­ver­ord­nung (Verord­nung (EU) Nr. 605/2014, soge­nannte „6. ATP“) zur CLP‐Verordnung mit einer verän­der­ten Kenn­zeich­nung gelis­tet (siehe Tabelle 15, rot hinter­legt): Aufgrund der Verord­nung (EU) Nr. 491/2015 hat sich der Umset­zungs­ter­min für die neue Kenn­zeich­nung von Form­alde­hyd vom 1.4.2015 auf den 1.1.2016 verscho­ben.
Im Spal­ten­mo­dell ergibt sich dann für Form­alde­hyd die Gefah­ren­stufe „sehr hoch“ hinsicht­lich der Gesund­heits­ge­fah­ren, wie in Abbil­dung 5 gezeigt wird.
Form­alde­hyd wird u.a. zur Steri­li­sa­tion und Raum­des­in­fek­tion einge­setzt. Für diese Tätig­kei­ten gibt es die Tech­ni­schen Regeln:
  • TRGS 513: Tätig­kei­ten an Steri­li­sa­to­ren mit Ethy­len­oxid und Form­alde­hyd
  • TRGS 522: Raum­des­in­fek­tio­nen mit Form­alde­hyd
Eine Ersatzstoff‐TRGS aus der 600‐er Reihe für die oben genann­ten Tätig­kei­ten gibt es bisher (noch) nicht. Daher wird eine Substi­tu­tion in vielen Fällen – zumin­dest kurz­fris­tig – nicht mach­bar sein.
Aber schon jetzt ist der Einsatz von Form­alde­hyd mit einem hohen Aufwand verbun­den. Bereits in der Gefahr­stoff­ver­ord­nung finden sich für seinen Einsatz zur Raum­des­in­fek­tion und als Bega­sungs­mit­tel zahl­rei­che Anfor­de­run­gen (siehe GefStoffV Anhang I Nummer 4 Bega­sun­gen), z.B.:
  • Verwen­dungs­be­schrän­kun­gen (Nr. 4.2)
  • Ertei­lung von Erlaub­nis und Befä­hi­gungs­schein (Nr. 4.3)
  • Schrift­li­che Anzeige an die zustän­dige Behörde (Nr. 4.3.2) oder
  • Doku­men­ta­ti­ons­pflicht zu durch­ge­führ­ten Bega­sun­gen (Nr. 4.3.3).
Auch in den Tech­ni­schen Regeln 513 und 522, in denen Tätig­kei­ten mit Form­alde­hyd beschrie­ben werden, findet sich der Hinweis auf Substi­tu­tion – insbe­son­dere auf die Beur­tei­lung der tech­ni­schen Eignung einer Substi­tu­ti­ons­mög­lich­keit im Sinne der TRGS 600 Nr. 5.1 Abs. 2.
TRGS 513: 5.4.2 Stand der Tech­nik
(2) Soweit Niedertemperatur‐Sterilisationsverfahren mit ande­ren biozi­den Wirk­stof­fen oder Strah­len­ste­ri­li­sa­ti­ons­ver­fah­ren alter­na­tiv ange­wen­det werden, sind die Leit­kri­te­rien Pati­en­ten­schutz, Arbeits‐ und Umwelt­schutz gleich­ran­gig zu beach­ten. Auf die TRGS 600 Nummer 5.1 Abs. 2 wird hinge­wie­sen.
Die TRGS 522 hat sogar ein eige­nes Kapi­tel zum Thema Substi­tu­ti­ons­prü­fung: Geht von einem für die Raum­des­in­fek­tion zuge­las­se­nen Biozid­pro­dukt eine gerin­gere Gefähr­dung aus als von Formalde‐hyd, ist eine Substi­tu­tion vorzu­neh­men.
TRGS 522: 5.2 Substi­tu­ti­ons­prü­fung
(2) Im Rahmen der Substi­tu­ti­ons­prü­fung sind folgende Grund­sätze zu beach­ten: (…)
Ist für eine Raum­des­in­fek­tion ein Verfah­ren mit einem zuge­las­se­nen Biozid­pro­dukt möglich, von dem für Beschäf­tigte und andere Perso­nen bei ihren Tätig­kei­ten eine gerin­gere Gefähr­dung ausgeht als bei Form­alde­hyd, ist eine Substi­tu­tion vorzu­neh­men.
Der Verzicht auf eine Substi­tu­tion ist gemäß Nummer 6 der TRGS 600 „Substi­tu­tion“ zu doku­men­tie­ren.
Es gab und gibt also bereits zahl­rei­che Bestre­bun­gen, Form­alde­hyd zu erset­zen. Sicher­lich werden diese Bemü­hun­gen durch die neue Kenn­zeich­nung von Form­alde­hyd noch weiter voran­ge­trie­ben.
Wenn am Arbeits­platz ein Verzicht auf Form­alde­hyd nicht möglich ist, sollte die Wirk­sam­keit der Schutz­maß­nah­men mit dem in der TRGS 513 genann­ten Konzen­tra­ti­ons­wert von 0,37 mg/m³ über­prüft werden.
TRGS 513: 5.6 Wirk­sam­keits­kon­trolle und mess­tech­ni­sche Über­wa­chung
(3) Als Bewer­tungs­maß­stab der Wirk­sam­keit tech­ni­scher Schutz­maß­nah­men sind folgende Konzen­tra­ti­ons­werte in der Luft am Arbeits­platz zu verwen­den: für Form­alde­hyd der von der MAK‐Kommission empfoh­lene Wert von 0,37 mg/m³, (…)
Dieser Empfeh­lungs­wert der MAK‐Kommission sollte als Beur­tei­lungs­grund­lage für die Wirk­sam­keits­kon­trolle von Schutz­maß­nah­men bei Tätig­kei­ten mit Form­alde­hyd heran­ge­zo­gen werden. Seit März 2015 liegt auch wieder ein rechts­ver­bind­li­cher Arbeits­platz­grenz­wert in der TRGS 900 vor mit dem glei­chen Wert 0,37 mg/m³.
Substi­tu­tion mit chemisch ähnli­chen Verbin­dun­gen:
  • N‐Methylpyrrolidon (NMP) – N‐Ethylpyrrolidon (NEP)
Die Substi­tu­tion eines Stof­fes durch einen chemisch ähnli­chen Stoff – und damit verbun­den ähnli­chen Eigen­schaf­ten und Gefah­ren – mag auf den ersten Blick sinn­voll sein. Dennoch ist Vorsicht gebo­ten, wenn beim mögli­chen Ersatz­stoff die Daten­lage noch nicht so gut ist wie beim einge­setz­ten Stoff.
Im Laufe der Jahre kann sich heraus­stel­len, dass der vermeint­lich weni­ger gefähr­li­che Ersatz­stoff doch (wieder) mindes­tens genauso gefähr­lich ist wie der ursprüng­lich einge­setzte Stoff.
Ein Beispiel in diesem Zusam­men­hang ist N‐Methyl‐2‐pyrrolidon (NMP), welches in der Vergan­gen­heit oft durch das vermeint­lich weni­ger gefähr­li­che N‐Ethyl‐2‐pyrrolidon (NEP)
ersetzt wurde.
Die höchste Gesund­heits­ge­fahr bei NMP ist seine frucht­schä­di­gende Wirkung (Kenn­zeich­nung mit H360D).
In Tabelle 16 ist die Kenn­zeich­nung von N‐Methyl‐2‐pyrrolidon aufge­führt. H360D ergibt im Spal­ten­mo­dell die Gefah­ren­stufe „hoch“.
Der mit NMP verwandte Stoff NEP galt 2013 noch als „nur poten­zi­ell repro­duk­ti­ons­to­xi­scher Stoff“. Es verdich­te­ten sich aber schon damals die Hinweise, dass die „schäd­li­chen Wirkun­gen von NEP denen von NMP in nichts nach­ste­hen“ und der Stoff nur noch nicht hinrei­chend unter­sucht worden war. Inzwi­schen gibt es Betriebe, die von NEP gänz­lich wieder abge­rückt sind und für diesen Stoff wiederum Ersatz­stoffe gefun­den haben (Carl 2013).
Inzwi­schen ist N‐Ethyl‐2‐pyrrolidon in der 5. Ände­rungs­ver­ord­nung zur CLP‐Verordnung (Verord­nung (EU) Nr. 944/2013) gelis­tet. Dort wird er als Rein­stoff in die glei­che CMR‐Kategorie wie N‐Methylpyrrolidon einge­stuft und muss spätes­tens ab dem 1.12.2014 auch mit dem H‐Satz H360D gekenn­zeich­net werden, wie Tabelle 17 zeigt.
Bei diesem Beispiel hat sich durch die verbes­serte Daten­lage im Nach­hin­ein heraus­stellt, dass der „vermeint­lich weni­ger gefähr­li­che“ Ersatz­stoff NEP aufgrund der frucht­schä­di­gen­den Wirkung ebenso mit einer „hohen“ Gesund­heits­ge­fahr verbun­den ist. Das ist jedoch kein Grund, grund­sätz­lich von einer Substi­tu­tion abzu­ra­ten. Beur­tei­lungs­er­geb­nisse zu mögli­cher­weise geeig­ne­ten Ersatz­stof­fen können sich im Laufe der Zeit verän­dern. Das Ergeb­nis der Substi­tu­ti­ons­prü­fung ist dann der neuen Daten­lage entspre­chend anzu­pas­sen.
EIN rich­ti­ger Entschei­dungs­weg (wann sollte man substi­tu­ie­ren und wann nicht?) für ALLE Fälle von Substi­tu­tio­nen in Abhän­gig­keit der Daten­lage kann hier leider nicht genannt werden. Der einzige Tipp, der an dieser Stelle gege­ben werden kann, ist: Blei­ben Sie am Ball und sprin­gen Sie nicht gleich auf jeden Substi­tu­ti­ons­zug auf. Wenn sich neue Hinweise auf kriti­sche Eigen­schaf­ten „häufen“ oder „verstär­ken“, ist die Substi­tu­ti­ons­ent­schei­dung erneut zu über­prü­fen und gege­be­nen­falls zu ändern.
Tetra­hy­dro­f­u­ran – 2‐Methyltetrahydro‐furan
Die Kenn­zeich­nung von Tetra­hy­dro­f­u­ran (THF) als „vermut­lich krebs­er­zeu­gend“ in der 3. Anpas­sungs­ver­ord­nung zur CLP‐Verordnung (Verord­nung (EU) Nr. 618/2012) führte in vielen Betrie­ben zur Substi­tu­tion mit der chemisch ähnli­chen Verbin­dung 2‐Methyltetrahydro‐furan (2‐MeTHF).
Tabelle 18 stellt die Struk­tur­for­meln der chemisch ähnli­chen Verbin­dun­gen gegen­über. Tabelle 19 zeigt die „verbind­li­che“ Kenn­zeich­nung von THF aus Anhang VI der CLP‐Verordnung.
Für 2‐Methyltetrahydrofuran gibt es noch keine „verbind­li­che“ Kenn­zeich­nung aus Anhang VI der CLP‐Verordnung. Das bedeu­tet, dass je nach Herstel­ler unter­schied­li­che Kenn­zeich­nun­gen in Sicher­heits­da­ten­blät­tern zu finden sind.
Abge­se­hen von der unter­schied­li­chen Kenn­zeich­nung durch die Herstel­ler besteht auch die Möglich­keit, dass 2‐Methyltetrahydrofuran zukünf­tig noch genauer unter­sucht wird und dann mit weite­ren H‐Sätzen einge­stuft und gekenn­zeich­net werden muss, wenn entspre­chende Prüf­ergeb­nisse vorlie­gen.
Es ist daher nicht unbe­dingt sinn­voll, einen Stoff mit bekann­ten gefähr­li­chen Eigen­schaf­ten – in diesem Fall Tetra­hy­dro­f­u­ran mit der Kenn­zeich­nung „H351: Kann vermut­lich Krebs erzeu­gen“ – durch einen ande­ren Stoff mit (evtl. noch) unbe­kann­ten Gefah­ren – hier 2‐Methyltetrahydrofuran – zu erset­zen.
EMKG: 0.2 Substi­tu­ti­ons­prü­fung
(…) Darüber hinaus ist es aber nicht sinn­voll, Gefahr­stoffe mit bekann­ten gefähr­li­chen Eigen­schaf­ten durch Produkte mit unbe­kann­ten Gefah­ren zu erset­zen.
Tetra­hy­dro­f­u­ran hat zudem den „Vorteil“, dass eine Über­prü­fung der Wirk­sam­keit der Schutz­maß­nah­men aufgrund des in der TRGS 900 vorhan­de­nen Arbeits­platz­grenz­wer­tes von 150 mg/m³ (50 ppm) einfach möglich ist.
Lite­ra­tur
  • Altnau G (2001a). MAK‐Wert allein reicht nicht – Risi­ko­po­ten­ziale von Löse­mit­teln umfas­send bewer­ten. CHEMIE TECHNIK, 30: 60–62, www.pharma-food.de/ai/resources/2ee21ed3463.pdf (Stand: 3/2015)
  • Altnau G (2001b). Warum Gesundheits‐ und Umwelt­ge­fähr­dun­gen akzep­tie­ren? GIT Sicher­heit + Manage­ment 8: 59–62
  • Barn­hu­sen MF (2014). Substi­tu­ti­ons­prü­fung nach Gefahr­stoff­ver­ord­nung – einige Hinweise zur Durch­füh­rung, www.brd.nrw.de/lerntreffs/chemie/pages/gefahrstoff/downloads/substitutionspruefung.pdf (Stand: 3/2015)
  • Carl C (2013) Substi­tu­ti­ons­prü­fung bei Tätig­kei­ten mit Gefahr­stof­fen – Pflicht, Aufwand und Nutzen. Sicher­heits­in­ge­nieur 9: 34–39
  • Debia M, Bégin D, Gérin M (2009). Compa­ra­tive Evalua­tion of Over­ex­po­sure Poten­tial Indi­ces used in Solvent Substi­tu­tion. Ann. Occup. Hyg. 53: 391–401: http://annhyg.oxfordjournals.org/content/53/4/391.full.pdf (Stand: 3/2015)
  • Eick­mann U, Türk J, Knauff‐Eickmann R, Kefen­baum K, Seitz M (2007). Desin­fek­ti­ons­mit­tel im Gesund­heits­dienst – Infor­ma­tio­nen für eine Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung. Gefahr­stoffe – Rein­hal­tung der Luft 67: 17–25, www.dguv.de/medien/ifa/de/pub/grl/pdf/2007_004.pdf (Stand: 3/2015)
  • Rühl R, Köhler U, Stei­nert W (2013). Umgang mit Gefahr­stof­fen in KMU – Konse­quen­zen ziehen. Sicher­heits­in­ge­nieur 11: 26–30: www.unfallkasse-nrw.de/fileadmin/server/download/Praeventionsmaterialien/Praeventionsdateien/Umgang_mit_Gefahrstoffen.pdf (Stand: 3/2015)
  • Pürgy R, Stocker E, Wimmer M, Holovsky EHM (2014). Stoff­zu­las­sung nach REACH – erste Erfah­run­gen aus Öster­reich. Gefahr­stoffe – Rein­hal­tung der Luft 74: 7–13
Verord­nun­gen
  • CLP‐Verordnung. Verord­nung (EG) Nr. 1272/2008 über die Einstu­fung, Kenn­zeich­nung und Verpa­ckung von Stof­fen und Gemi­schen, zur Ände­rung und Aufhe­bung der Richt­li­nien 67/548/EWG und 1999/45/EG und zur Ände­rung der Verord­nung (EG) Nr. 1907/2006 inklu­sive Ände­rungs­ver­ord­nun­gen. Aktu­elle Fassung einzu­se­hen unter: www.reach-clp-biozid-helpdesk.de → Rechts­texte und Leit­li­nien (Stand 3/2015)
  • GefStoffV. Gefahr­stoff­ver­ord­nung – Verord­nung zum Schutz vor Gefahr­stof­fen, vom 26.11.2010 (BGBl. I S. 1643). Aktu­elle Fassung einzu­se­hen unter: www.baua.de → Themen von A‐Z → Gefahr­stoffe → Rechts­texte Gefahr­stoffe → Gefahr­stoff­ver­ord­nung: www.baua.de/de/Themen-von-A-Z/Gefahrstoffe/Rechtstexte/Gefahrstoffverordnung.html (Stand 3/2015)
  • REACH‐Verordnung. Verord­nung (EG) Nr. 1907/2006 zur Regis­trie­rung, Bewer­tung, Zulas­sung und Beschrän­kung chemi­scher Stoffe (REACH), zur Schaf­fung einer Euro­päi­schen Chemi­ka­li­en­agen­tur, vom 18.12.2006 (ABl. L 396 S. 1). Aktu­elle Fassung einzu­se­hen unter: www.reach-clp-biozid-helpdesk.de → Rechts­texte und Leit­li­nien (Stand 3/2015)
Tech­ni­sche Regeln und Bekannt­ma­chun­gen zu Gefahr­stof­fen
(Down­load mit jeweils aktu­el­lem Stand unter www.baua.de/TRGS)
(Stand 3/2015)
  • TRGS 400 Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung für Tätig­kei­ten mit Gefahr­stof­fen, 12/2010
  • TRGS 460 Hand­lungs­emp­feh­lung zur Ermitt­lung des Stan­des der Tech­nik, inklu­sive Praxis­bei­spiele, 10/2013
  • TRGS 500 Schutz­maß­nah­men 1/2008
  • TRGS 513 Tätig­kei­ten an Steri­li­sa­to­ren mit Ethy­len­oxid und Form­alde­hyd, 10/2011
  • TRGS 522 Raum­des­in­fek­tion mit Form­alde­hyd, 1/2013
  • TRGS 525 Gefahr­stoffe in Einrich­tun­gen der medi­zi­ni­schen Versor­gung, 9/2014
  • TRGS 600 Substi­tu­tion, 8/2008
  • TRGS 900 Arbeits­platz­grenz­werte, 1/2006
  • TRGS 910 Risi­ko­be­zo­ge­nes Maßnah­men­kon­zept für Tätig­kei­ten mit krebs­er­zeu­gen­den Gefahr­stof­fen, 2/2014
BG‐ bzw. DGUV‐Schriften
(weitere Infor­ma­tio­nen und teil­wei­ser Down­load unter http://publikationen.dguv.de → Regel­werk)
  • BG‐Empfehlung 1039. BG/BIA‐Empfehlungen zur Über­wa­chung von Arbeits­be­rei­chen – Flächen­des­in­fek­tio­nen in Kran­ken­haus­sta­tio­nen, Mai 2011, Stand: Juli 2002. www.dguv.de/ifa → Praxis­hil­fen → Gefahr­stoffe → Empfeh­lun­gen Gefähr­dungs­er­mitt­lung der Unfall­ver­si­che­rungs­trä­ger (EGU) → Alle EGU und BG/BGIA‐Empfehlungen (…) in alpha­be­ti­scher Reihen­folge: www.dguv.de/medien/ifa/de/pra/bg_bgia_empfehlungen/bg_bia_1039.pdf (Stand 3/2015)
  • BG Merk­blatt M 051 (ehemals auch BGI 536) Gefähr­li­che chemi­sche Stoffe, 2/1997, zurück­ge­zo­gen 2008
  • DGUV Infor­ma­tion 213–850 (ehemals BGI 850–0) Siche­res Arbei­ten in Labo­ra­to­rien, 03/2014, http://bgi850–0.vur.jedermann.de/index.jsp (Stand 3/2015)

Weitere Lite­ra­tur

  • C&L-Datenbank. Daten­bank des C&L-Verzeichnisses, www.echa.europa.eu/de Infor­ma­tio­nen über Chemi­ka­lien → C&L-Inventory Daten­bank des C&L-Verzeichnisses durch­su­chen (Stand 3/2015)
  • EMKG (2012) Einfa­ches Maßnah­men­kon­zept Gefahr­stoffe, Version 2.2, www.baua.de: Start­seite → Infor­ma­tio­nen für die Praxis → Hand­lungs­hil­fen und Praxis­bei­spiele → Einfa­ches Maßnah­men­kon­zept Gefahr­stoffe: www.baua.de/de/Themen-von-A-Z/Gefahrstoffe/EMKG/EMKG.html (Stand 3/2015)
  • GESTIS‐Stoffdatenbank. Gefahr­stoff­in­for­ma­ti­ons­sys­tem der Deut­schen Gesetz­li­chen Unfall­ver­si­che­rung, www.dguv.de/dguv/ifa → Gefahr­stoff­da­ten­ban­ken (Stand 3/2015)
  • Begriffs­glos­sar zu den Regel­wer­ken der Betrieb­si­cher­heits­ver­ord­nung, der Biostoff­ver­ord­nung und der Gefahr­stoff­ver­ord­nung, www.baua/de → Themen von A‐Z → Gefahr­stoffe → Tech­ni­sche Regeln für Gefahr­stoffe (TRGS) → Begriffs­glos­sar: www.baua.de/de/Themen-von-A-Z/Gefahrstoffe/Glossar/Glossar.html (Stand 3/2015)
  • GZFA. Gesell­schaft für Zahn­ge­sund­heit, Funk­tion und Ästhe­tik, www.gzfa.de → Service und Bera­tung → Pati­en­ten­in­for­ma­tion → Sprech­stun­den → Karies: www.gzfa.de/service‐beratung/patienteninformation/sprechstunden/karies/ (Stand 3/2015)
  • IFA‐GHS (2014). Das GHS‐Spaltenmodell 2014 – Eine Hilfe­stel­lung zur Substitu‐tionsprüfung nach Gefahr­stoff­ver­ord­nung“, www.dguv.de/ifa → Praxis­hil­fen → GHS‐Spaltenmodell zur Suche nach Ersatz­stof­fen: http://publikationen.dguv.de/dguv/pdf/10002/ghs_spaltenmodell.pdf?x=y (Stand 3/2015)
  • REACH‐CLP‐Biozid‐Helpdesk natio­nale Auskunfts­stelle des Bundes für REACH, CLP und Biozide, www.reach-clp-biozid-helpdesk.de (Stand 3/2015)
Dieser Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch „Substi­tu­tion von Gefahr­stof­fen“ von B. Stöff­ler, erschie­nen bei ecomed Sicher­heit, ISBN 978–3–609–69181–7, 194 Seiten: www.ecomed-storck.de
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