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Schichtarbeit gesund gestalten

Empfehlungen zur gesundheitsverträglichen Organisation
Schichtarbeit gesund gestalten

Schichtar­beit gilt als belas­tend. Die konkrete Schicht­plangestal­tung wirkt sich jedoch sehr unter­schiedlich auf das gesund­heitliche Risiko aus. Aus der Arbeitswis­senschaft lassen sich ins­beson­dere fol­gende Empfehlun­gen zur gesund­heitsverträglichen Organ­i­sa­tion der Schichtar­beit ableiten.

Von: Dr. Anna Arlinghaus

Für viele Beschäftigte gehört Schichtar­beit zum All­t­ag – entwed­er im klas­sis­chen Vol­lkon­ti-Betrieb, in dem rund um die Uhr an allen Tagen der Woche non­stop gear­beit­et wird, oder in ander­er Form ohne durchge­hende Betrieb­slaufzeit. Welche Belas­tun­gen damit ver­bun­den sind, hängt nicht zulet­zt von der Gestal­tung der Schicht­pläne ab. Die fol­gen­den Empfehlun­gen für die Prax­is basieren auf aktuellen arbeitswis­senschaftlichen Erkenntnissen.

So wenig Nachtarbeit wie möglich

Da die Nachtar­beit eine große kör­per­liche Belas­tung darstellt, sollte sie so sel­ten wie möglich stat­tfind­en. Manch­mal lassen sich Tätigkeit­en aus der Nacht in den Tag ver­legen – zum Beispiel Mate­ri­alvor­bere­itung oder Doku­men­ta­tion müssen meist nicht zwin­gend nachts stat­tfind­en. So kann der Anteil von erforder­lichen Nachtschicht­en ver­ringert und die Belas­tung für die Belegschaft gesenkt werden.

Ist dies nicht möglich, soll­ten nur wenige Nachtschicht­en in Folge geplant wer­den. Emp­fohlen wer­den max­i­mal zwei bis drei Nachtschicht­en nacheinan­der, auf die dann eine Ruhep­hase von min­destens 36 oder bess­er 48 Stun­den fol­gen sollte, um eine aus­re­ichende Erhol­ung zu ermöglichen. Lange Nachtschicht­blöcke mit fünf oder mehr Nachtschicht­en hin­tere­inan­der eben­so wie Dauer­nachtar­beit (Arbeit auss­chließlich in der Nacht) sind dage­gen biol­o­gisch und sozial sehr ungünstig.

Vorwärts rotierende Schichtpläne

Unter kurz vor­wärts rotieren­den Plä­nen wer­den Wech­sel mit höch­stens drei gle­ichen Schicht­typen in Folge in der Rei­hen­folge von Früh (F) – Spät (S) – Nacht (N) ver­standen. Beispiele für solche Schicht­pläne sind in den Abbil­dun­gen 1 bis 2 dargestellt (die Schicht­folge ist FFSSNNN – – FFSSSNN – – FFFSSNN – – -). Es wer­den immer max­i­mal drei gle­iche Schicht­en in Folge gear­beit­et. Die Pläne unter­schei­den sich in der durch­schnit­tlichen Wochenar­beit­szeit, der Anzahl benötigter Schicht­grup­pen und der Länge der Arbeits­blöcke: Je nach Wochenar­beit­szeit dauern die Arbeits­blöcke zwis­chen sechs (Abbil­dung 2) und sieben Tage (Abbil­dung 1), und die Ruhep­hasen zwis­chen zwei Schicht­blöck­en zwei (Abbil­dung 1) und vier Tage (Abbil­dung 2).

Lange Arbeitsblöcke vermeiden

Eine kurz vor­wärts rotierende Schicht­folge ist biol­o­gisch gün­stig, da der Vor­wärtswech­sel immer 24 Stun­den Ruhezeit zwis­chen zwei Schicht­typen ermöglicht. Für das Sozialleben sind immer min­destens zwei freie Abende pro Woche einge­plant. Im Gegen­satz dazu sind soziale Aktiv­itäten bei ein­er kom­plet­ten Woche Spätschicht kaum möglich. Verkürzte Ruhezeit­en wie sie bei Rück­wärt­sro­ta­tion entste­hen (zum Beispiel von der Nacht- in die Spätschicht oder von Spät- zur Früh­schicht) soll­ten ver­mieden wer­den. Ide­al sind fünf bis sechs, jedoch nicht mehr als sieben Tage Arbeit in Folge. Denn die hohe Belas­tung durch solch lange Arbeits­blöcke wird auch durch län­gere Freizeit danach nicht aufgewogen.

Kürzere Arbeit bei schweren Tätigkeiten

Ist die Arbeits­be­las­tung beson­ders hoch – zum Beispiel bei schw­er­er kör­per­lich­er Arbeit, andauern­der Aufmerk­samkeit, hohem Fehler­risiko – soll­ten die Arbeit­szeit­en nicht zu lang sein. Ins­beson­dere Zwölf-Stun­den-Schicht­en sind unter der­ar­ti­gen Bedin­gun­gen mit einem hohen Unfall­risiko verbunden.

Pausen können Belastung senken

Arbeitspausen sind ein wichtiges Mit­tel, um die Arbeits­be­las­tung zu senken. Fall­en Arbeitspausen hinge­gen kom­plett aus, steigt das Risiko für Arbeit­sun­fälle und gesund­heitliche Beein­träch­ti­gun­gen. Häu­fige, kurze Pausen zusät­zlich zur Essenspause (zum Beispiel jede Stunde oder alle 90 Minuten fünf Minuten Pause) verbessern das kör­per­liche Befind­en und erhöhen die Pro­duk­tiv­ität bei der Arbeit. Die Pro­duk­tiv­itätssteigerung kann dabei die durch die Pausen ver­lorene Arbeit­szeit ausgleichen.

Einflussmöglichkeiten erhöhen Zufriedenheit

Arbeit­szeit­en an die eige­nen Bedürfnisse anpassen zu kön­nen, kann die Zufrieden­heit mit der Arbeit­szeit deut­lich erhöhen und sich pos­i­tiv auf die Gesund­heit und Work-Life-Bal­ance auswirken. Ein­flussmöglichkeit­en sind zum Beispiel: Schicht­en tauschen, Ein­satzwün­sche äußern, Zusatz- oder Ein­bringschicht­en selb­st leg­en oder zwis­chen mehreren Arbeit­szeit­mod­ellen (oder Schicht­plä­nen) wählen können.

Auch bei Schichtar­beit kann Gleitzeit möglich sein. Beson­ders bei Auf­gaben mit Dien­stleis­tungscharak­ter wie zum Beispiel Logis­tik, Reini­gung oder Pro­gram­mierung kön­nen Arbeitsabläufe in gewis­sem Rah­men flex­i­bel gestal­tet wer­den. Beispiele sind:

  • eine Kernzeit für bes­timmte zeitkri­tis­che Auf­gaben mit anson­sten freier Zeiteinteilung
  • ein fes­ter Schicht­plan mit einzel­nen Tagschicht­en, die keine fes­ten Anfangs- und Endzeit­en haben
  • Grup­pe­nar­beit mit Gleitzeit nach Absprache (zum Beispiel kann jemand später kom­men oder früher gehen, wenn es die Arbeit erlaubt und das Team ein­ver­standen ist)

Zeit- statt Geldzuschläge

Je höher die wöchentliche Arbeit­szeit ist, desto höher ist die Gesamt­be­las­tung und desto schwieriger ist eine gesund­heit­ser­hal­tende Schicht­plangestal­tung. Bei 40 Stun­den und mehr pro Woche ist es prak­tisch kaum noch möglich, vol­lkon­tinuier­liche Schicht­pläne nach arbeitswis­senschaftlichen Kri­te­rien zu gestalten.

Zusät­zliche Freizeit kann helfen, die Belas­tun­gen durch Schichtar­beit auszu­gle­ichen. In der Regel wer­den Zuschläge und Zula­gen für bes­timmte Arbeit­szeit­en gezahlt, wie etwa für Nacht- und Son­ntagsar­beit. Rech­net man diese Geldzuschläge stattdessen in Zeitzuschläge um („Fak­torisierung von Zeitzuschlä­gen“) die auf ein Zeitkon­to fließen, lässt sich ein Zeitguthaben auf­bauen, das durch ganze freie Tage oder kürzere Wochenar­beit­szeit­en abge­baut wer­den kann. So sinkt die Gesamt­be­las­tung und die neg­a­tiv­en gesund­heitlichen Fol­gen von Schicht- und Nachtar­beit kön­nen ver­ringert wer­den. Bei diesem Mod­ell ist jedoch eine aus­re­ichende Per­son­aldecke sehr wichtig, um die zusät­zliche Freizeit real­isieren zu kön­nen, ohne für die anwe­senden Beschäftigten eine höhere Belas­tung zu schaffen.

Teilzeitkräfte einbinden

Auch bei Schichtar­beit kann Teilzeit gear­beit­et wer­den. Wenn etwa zu bes­timmten Tageszeit­en mehr Per­so­n­en benötigt wer­den, kön­nen Teilzeitkräfte als Ergänzung zum „reg­ulären“ Schicht­plan einge­set­zt wer­den, um Spitzen abzudeck­en. Auch das Teilen eines Vol­lzeit­plans zwis­chen zwei oder mehr Teilzeitkräften ist recht leicht möglich.

Zeit statt Geld

Die Schicht­plangestal­tung nach arbeitswis­senschaftlichen Empfehlun­gen kann die gesund­heitlichen Risiken und das Unfall­risiko senken und das Sozialleben der Beschäftigten verbessern. Beson­ders wichtig ist dabei, die Arbeit­szeit­dauer an die Belas­tung anzu­passen und die Nachtar­beit zu min­imieren. Ein Aus­gle­ich der Belas­tung in Zeit statt Geld kann die Gesund­heit und Zufrieden­heit weit­er erhöhen.


Autorin:

Dr. Anna Arlinghaus

XIMES GmbH

Foto: privat

Praxisbeispiel aus der Stahlindustrie

Den direk­ten Zusam­men­hang zwis­chen Schicht­plangestal­tung, Arbeit­szeit­dauer und gesund­heitlich­er Belas­tung belegt das fol­gende Prax­is­beispiel aus der Stahlin­dus­trie: Durch einen Schicht­mod­ell­wech­sel bei gle­ichzeit­iger Arbeit­szeitre­duk­tion gelang es, den Kranken­stand zu senken.

Bei einem Stahl­pro­duzen­ten wurde das Schicht­mod­ell verän­dert und die langfristi­gen Auswirkun­gen auf den Kranken­stand unter­sucht. Statt eines Schicht­plans mit neun Arbeit­sta­gen gefol­gt von drei freien Tagen (Schicht­folge: FFFSSSNNN – – -) mit durch­schnit­tlich 38,5 Wochen­stun­den wurde ein neues Schicht­mod­ell mit kürz­eren Arbeits- und län­geren Frei-Blöck­en (Schicht­folge: FFSSNN – – – -) mit durch­schnit­tlich 34,4 Wochen­stun­den einge­führt. Der Einkom­mensver­lust durch die reduzierte Arbeit­szeit wurde teil­weise durch staatliche Förderung aus­geglichen und durch Aus­lassen der tar­i­flichen Lohn­er­höhun­gen in den fol­gen­den Jahren auf den tat­säch­lichen Teilzeit­lohn angepasst.

Die Kranken­stände im neuen Schicht­mod­ell senk­ten sich um cir­ca zehn Prozent im Ver­gle­ich mit dem alten Schicht­mod­ell über einen Zeitraum von sechs Jahren. Darüber hin­aus war die Zufrieden­heit der Beschäftigten im neuen Sys­tem sehr hoch, vor allem mit der län­geren Freizeit nach einem Schicht­block. Die Möglichkeit, frei­willig wieder in das Vol­lzeit­mod­ell zurück zu wech­seln, wurde trotz des etwas ver­ringerten Einkom­mens nur sehr vere­inzelt wahrgenommen.


Warum ist Schichtarbeit belastend?

Als tagak­tives Wesen ist der Men­sch darauf eingestellt, nachts zu schlafen. Nachtar­beit bedeutet Aktiv­ität zu Zeit­en, an denen der Kör­p­er auf Ruhe pro­gram­miert ist, und stört so den Schlaf-Wach-Rhyth­mus. Während und nach der Nachtschicht kann es daher zu Schlaf­störun­gen, ver­min­dert­er Leis­tungs­fähigkeit und einem erhöht­en Unfall­risiko kommen.

Arbeit an Aben­den und Woch­enen­den beein­trächtigt beson­ders das Sozialleben der Schichtar­bei­t­en­den, denn zu diesen Zeit­en find­en viele soziale Aktivtäten mit Fre­un­den und Fam­i­lie statt. Unregelmäßige und schlecht plan­bare Arbeit­szeit­en sind für die Gesund­heit und das Sozialleben belas­tend, da Schlaf und Erhol­ung nicht regelmäßig stat­tfind­en kön­nen und kurzfristige Verän­derun­gen ungün­stig für das Pri­vatleben sind.

Demge­genüber wirken eigene Ein­flussmöglichkeit­en der Beschäftigten auf ihre Arbeit­szeit­en grund­sät­zlich sehr pos­i­tiv. Denn die Arbeit­szeit an die indi­vidu­ellen Bedürfnisse anpassen zu kön­nen – sei es an den Schlafrhyth­mus oder an das Pri­vatleben – verbessert das Wohlbefind­en und die Zufriedenheit.

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