Startseite » Sicherheit » Arbeitsschutzorganisation »

Treibhausgas-Bilanz nach ISO 14064–1

Treibhausgas-Bilanz nach ISO 14064–1
Ausgangspunkt für wirksames Klimamanagement

Symbol_for_limiting_global_warming._Hand_turns_a_dice_and_changes_the_expression_"2°C"_to_"1.5°C",_or_vice_versa.
Die mit dem Pariser Abkommen 2015 festgelegte 1,5-Grad-Grenze für die globale Klimaerwärmung bedeutet: Treibhausgasemissionen müssen (netto) bis allerspätestens 2060 weltweit auf null heruntergefahren sein. Foto: © Fokussiert – stock.adobe.com
Anzeige
Der Kli­mawan­del geht wesentlich auf den massen­haften Ausstoß von durch Men­schen erzeugtem Kohlen­diox­id und anderen Treib­haus­gasen zurück. Wird die Erdat­mo­sphäre weit­er­hin als Gas-Deponie miss­braucht, sind die von der Staatenge­mein­schaft müh­sam aus­ge­han­del­ten Kli­maziele schon bald Maku­latur. Unternehmen kön­nen jedoch dabei helfen, diese Sit­u­a­tion zu entschär­fen: durch die Ein­führung eines wirk­samen Kli­ma­man­age­ments auf der Basis ein­er Treib­haus­gas­bi­lanz nach ISO 14064–1.

Der Begriff Kli­ma­man­age­ment meint das Man­age­ment men­schengemachter Emis­sio­nen wie CO2 und ander­er Treib­haus­gase (THG), die, ein­mal in die Atmo­sphäre entwichen, das Kli­ma nach­haltig erwär­men – mit allen bekan­nten Fol­gen. Die Absicht hin­ter der Ein­führung eines wirk­samen Kli­ma­man­age­ments ist das Erre­ichen von Kli­ma­neu­tral­ität über die gesamte Aktiv­ität eines Unternehmens hin­weg. Kli­ma­man­age­ment zielt dabei nicht nur auf die Reduzierung von THG-Emis­sio­nen, son­dern auch auf einen Aus­gle­ich ihrer Wirkung durch geeignete Maß­nah­men, die gegebe­nen­falls weit ent­fer­nt vom Stan­dort eines Unternehmens greifen.

Dies geschieht zum Beispiel durch den Erwerb entsprechen­der Umweltzer­ti­fikate. Denn viele Unternehmen wer­den, so groß ihre Anstren­gun­gen auch sein mögen, immer noch eine gewisse Menge an THG-Emis­sio­nen verur­sachen. Mit einem Engage­ment in Pro­jek­te, die helfen, der Atmo­sphäre CO2 zu entziehen (etwa Wieder­auf­forstun­gen o. Ä.), kön­nen sie diese „Rest-Emis­sio­nen“ aus­gle­ichen und somit kli­ma­neu­tral werden.

Was sind die Treiber für Klimaschutz?

Die Treiber für die Ein­führung eines wirk­samen Kli­ma­man­age­ments in Unternehmen sind eine Melange aus mehreren Fak­toren. Da ist zunächst der eigene Antrieb eines Unternehmens, mit seinem Wirtschaften der Umwelt so wenig wie möglich zuzusetzen.

Allerd­ings: Welch­er CEO würde nicht von sich behaupten, dies zu wollen? Greif­bar­er ist da schon der natür­liche Selb­ster­hal­tungstrieb ganz­er Branchen, wie eine im Herb­st 2019 veröf­fentlichte Studie zum The­ma „Kaf­fee“ nahelegt (Quelle: www.oekotest.de, Beitrag vom 4. Okto­ber 2019). Dieser Studie zufolge sind mit dem Anbau, der Her­stel­lung und dem Trans­port von Kaf­fee erhe­bliche CO2-Emis­sio­nen ver­bun­den. Diese ließen sich spür­bar reduzieren, wenn kon­se­quent nach ökol­o­gis­chen Gesicht­spunk­ten agiert wird. Ein wesentlich­er Treiber kön­nte hier sein, dass durch ver­mehrte CO2-Emis­sio­nen und damit der Beschle­u­ni­gung des Kli­mawan­dels die begren­zten Anbau­flächen für die begehrten Bohnen deut­lich zurück­ge­hen wer­den. Es geht beim Kli­ma­man­age­ment also auch um die Sta­bil­isierung des Astes, auf dem ein Unternehmen sitzt.

Externe Anspruchsgruppen als wesentliche Treiber

Wirk­same Treiber kom­men aber vor allem von außen. Es sind die Anspruchs­grup­pen eines Unternehmens mit unter­schiedlich­er Moti­va­tion, aber dem gle­ich­lau­t­en­den Ziel, den Kli­mawan­del aufzuhal­ten. Das sind um die Umwelt besorgte Ver­brauch­er, NGOs, Kli­maak­tivis­ten, Wis­senschaftler und Medi­en. Des weit­eren gibt es die (auch) auf wirtschaftliche Aspek­te und die Min­imierung von Risiken bedacht­en Anteil­seign­er, Inve­storen, Geschäftspart­ner oder Wirtschaftsverbände.

Ein beson­ders stark­er Treiber ist die Poli­tik, die über den Geset­zge­ber einen wichti­gen Hebel für wirk­samen Umweltschutz in der Hand hält – der Druck von außen, nach­haltig zu wirtschaften und dies trans­par­ent zu machen, nimmt in jedem Fall zu – auch mit Blick auf die Lieferkette.

Die Poli­tik hat unter anderem mit dem Kyoto-Pro­tokoll von 1997 und zulet­zt mit dem Paris­er Abkom­men von 2015 Flagge gezeigt. Dort hat man sich auf die wis­senschaftlich unter­mauerte, gle­ich­wohl schw­er zu erre­ichende „1,5‑Grad-Grenze“ für die glob­ale Kli­maer­wär­mung fest­gelegt, was nichts anderes bedeutet, als die THG-Emis­sio­nen (net­to) bis aller­spätestens 2060 weltweit auf null herunterzufahren.

Unternehmen wer­den von Anspruchs­grup­pen zunehmend daran gemessen, ob und wie sie ihren Teil zum Erre­ichen dieses ehrgeizigen Ziels beitra­gen. Der Geset­zge­ber kann, EU-weit wie nation­al, das Erre­ichen solch­er Ziele mas­siv befördern, weshalb er ein wichtiger direk­ter Treiber sein kann – ein aktuelles Stich­wort heißt „CO2-Bepreisung“.

Klimawandel und Arbeitssicherheit

Der Kli­mawan­del hat neben den direk­ten glob­alen Auswirkun­gen wie Abschmelzen der Pole und Gletsch­er, Dürre, Erhöhung der Meer­esspiegel, Wet­terex­treme oder Schä­den an Fau­na und Flo­ra auch eine Bedeu­tung für die Sicher­heit und Gesund­heit bei der Arbeit. Ins­beson­dere Wet­terex­treme wie Hitze, Starkre­gen, Stürme, Dür­ren und Über­schwem­mungen, aber auch physikalis­che und biol­o­gis­che Fak­toren kön­nen die Arbeitssys­teme zusät­zlich belasten:

  • Ozonkonzen­tra­tio­nen (Asth­ma)
  • UV-Strahlung (Hautkrebs)
  • Hitze mit Son­nen­stich, Ohnmacht
  • Fein­staubbe­las­tung
  • Ein­schlep­pung neuer Pflanzen und Tiere, zum Beispiel Eichen­prozes­sion­sspin­ner, asi­atis­che Tiger­mücke oder Krim-Kongo-Zecke
  • Pol­lenal­lergien durch wech­sel­nde Wetterbedingungen

Beson­ders betrof­fen von klimabe­d­ingten Verän­derun­gen im Arbeit­sall­t­ag seien Per­so­n­en, die im Freien arbeit­en, so das „Arbeitspa­pi­er Kli­maan­pas­sung – Gesund­heitliche Belas­tun­gen im Arbeit­sall­t­ag durch den Kli­mawan­del“ des Insti­tuts für ökol­o­gis­che Wirtschafts­forschung (IÖW) von 2017. In Deutsch­land betr­e­ffe dies etwa 2,5 Mil­lio­nen Men­schen zum Beispiel in der Land- und Forstwirtschaft oder auf dem Bau. Naturgemäß ist dieser Per­so­n­enkreis stärk­er äußeren Ein­flüssen durch hohe Tem­per­a­turen oder UV-Strahlung aus­ge­set­zt. „Der Kli­mawan­del und seine Fol­gen stellen die Arbeitswelt somit vor beson­dere Her­aus­forderun­gen, richtet man den Blick auf die geschilderten direk­ten und indi­rek­ten gesund­heitlichen Belas­tun­gen im Arbeit­sall­t­ag“, so das Papi­er weiter.

Konkret müssen also die beste­hen­den Gefährdungs­beurteilun­gen und Vor­sorge­un­ter­suchun­gen unter Berück­sich­ti­gung der indi­vidu­ellen Fak­toren wie Alter, Belast­barkeit oder physis­che Vor­rauset­zun­gen neu bew­ertet oder über­ar­beit­et wer­den. Zudem kann es auch zu ein­er Anpas­sung der per­sön­lichen Schutzaus­rüs­tun­gen oder tech­nis­chen Ein­rich­tun­gen wie Kli­maan­la­gen kommen.

Auch die Gefährdun­gen beim Arbeitsweg wie auch bei Geschäft­sreisen nehmen sicher­lich zu. Da alle aufge­führten und weit­ere Risiken des Kli­mawan­dels lei­der auch ein Bestandteil des pri­vat­en Lebens­bere­ichs sind und sich mit der Arbeit­szeit addieren, ist auch mit ein­er Zunahme der krankheits­be­d­ingten Fehlt­age in den Betrieben auszugehen.

Nutzen eines wirksamen Klimamanagements

In Summe haben Unternehmen, die ein wirk­sames Kli­ma­man­age­ment ein­führen, also eine Rei­he wertvoller Nutzen, darunter auch solche, die über die reine Erfül­lung der Anforderun­gen ihrer Anspruchs­grup­pen hin­aus­ge­hen. Diese Unternehmen

  • leis­ten einen Beitrag zum Schutze des Weltklimas
  • kön­nen mit entsprechen­den Maß­nah­men Kli­ma­neu­tral­ität erzielen
  • kön­nen Kosten einsparen
  • erbrin­gen einen Nach­weis für Kun­den, Behör­den und die Gesellschaft
  • erhöhen ihren Marken­wert und stärken ihr Marketing
  • motivieren ihre Mitar­beit­er und tra­gen auch zu deren Gesund­heitss­chutz bei
  • erken­nen und min­imieren Risiken
  • sind für zukün­ftige Auf­gaben (bess­er) vorbereitet
  • kön­nen gegebe­nen­falls neue Pro­duk­te und Dien­stleis­tun­gen generieren

THG-Bilanzen nach ISO 14064–1

Der Aus­gangspunkt für ein wirk­sames Kli­ma­man­age­ment und das Streben nach Kli­ma­neu­tral­ität ist die Auf­stel­lung ein­er THG-Bilanz, wahlweise nach dem Green­house Gas Pro­to­col oder – beson­ders geeignet für größere Unternehmen – nach der darauf auf­bauen­den Norm ISO 14064–1.

Eine THG-Bilanz schafft Klarheit über den CO2-Fußab­druck eines Unternehmens und bildet die Daten­ba­sis für Maß­nah­men, diesen Fußab­druck zu verringern.

ISO 14064–1 liegt in der über­ar­beit­eten Ver­sion 2018 vor, die deutsche Ver­sion erschien 2019. Zu der dre­it­eili­gen Nor­men­rei­he gehören außer­dem ISO 14064–2 (THG-Pro­jek­te) und ISO 14064–3 (Ver­i­fizierung und Vali­dierung ein­er THG-Bilanz). ISO 14064–1 for­muliert Grund­sätze, Leitlin­ien und Anforderun­gen an THG-Bilanzen. Im Mit­telpunkt ste­ht die Fes­tle­gung der Organ­i­sa­tion­s­gren­zen in Bezug auf

  • THG-Emis­sio­nen / THG-Entzug,
  • quan­ti­ta­tive Bes­tim­mung von THG-Emis­sio­nen / THG-Entzug und
  • Iden­ti­fizierung von Ini­tia­tiv­en zur Verbesserung des THG-Managements.

Weit­ere Anforderun­gen betr­e­f­fen das Qual­itäts­man­age­ment der THG-Bilanz, interne Audits, das The­ma Ver­i­fizierung durch einen zuge­lasse­nen Drit­ten und die THG-Berichterstattung.

ISO 14064–1 – die wesentlichen Kapitel im Überblick

Kapi­tel 4 – Grund­sätze der Norm

Um sicherzustellen, dass „treib­haus­gas­be­zo­gene Angaben den tat­säch­lichen Ver­hält­nis­sen entsprechend berück­sichtigt wer­den“, nen­nt die Norm fünf Grund­sätze, auf denen die Anforderun­gen basieren, näm­lich Rel­e­vanz, Voll­ständigkeit, Kon­sis­tenz, Kor­rek­theit und Transparenz.

Kapi­tel 5 – Gren­zen der THG-Bilanz

Hier geht es um jene Bere­iche, auf die das Unternehmen Ein­fluss nehmen kann. Ein­er der ersten Schritte ist daher die Fes­tle­gung des Bilanzrah­mens und die Def­i­n­i­tion von Wesentlichkeitskriterien.

Kapi­tel 6 – Quan­tifizierung von THG-Emis­sio­nen und ‑Entzug

Mith­il­fe des Quan­tifizierungsansatzes erfol­gt die Berech­nung der THG-Emis­sio­nen und des THG-Entzugs und die Umrech­nung der Men­gen der einzel­nen Treib­haus­gase (Methan, FKW, Lach­gas etc.) in die Ein­heit tCO2-Äq. Um eine Bezugs­größe zu haben, muss das Unternehmen ein Basis­jahr auswählen, für das bere­its belast­bare Dat­en vorliegen.

Kapi­tel 7/8 – Ini­tia­tiv­en zur THG-Reduzierung/Qual­itäts­man­age­ment

In diesen Normab­schnit­ten wird in knap­per Form auf die Iden­ti­fizierung von Maß­nah­men oder Tätigkeit­en des Unternehmens hin­sichtlich ein­er Verbesserung des THG-Man­age­ments einge­gan­gen und Anforderun­gen an das Qual­itäts­man­age­ment von THG-Bilanzen gestellt.

Kapi­tel 9/10 – THG-Berichter­stat­tung/Ver­i­fizierung

Möchte ein Unternehmen – zum Beispiel aus Mar­ket­ing­grün­den – das Ergeb­nis sein­er THG-Bilanz veröf­fentlichen, erstellt es einen entsprechen­den Bericht, der gle­ichzeit­ig die Voraus­set­zung für eine Ver­i­fizierung der Bilanz ist. Die Ver­i­fizierung der THG-Bilanz wird durch eine unab­hängige, dafür zuge­lassene Stelle ent­lang den Anforderun­gen von ISO 14064–1 und gemäß den Regeln der Spez­i­fika­tion ISO 14064–3 durchgeführt.

Synergien mit anderen ISO-Normen

Unternehmen, die bere­its über ein Man­age­mentsys­tem nach ISO 14001 (Umwelt­man­age­ment) und/oder ISO 50001 (Energie­m­an­age­ment) ver­fü­gen, kön­nen bei der Erstel­lung ein­er THG-Bilanz von Syn­ergien prof­i­tieren und im Ide­al­fall das Kli­ma­man­age­ment in ein beste­hen­des Inte­gri­ertes Man­age­mentsys­tem eingliedern. Ein einge­hen­der Ver­gle­ich fördert eine Rei­he von Syn­ergien zu Tage, was an dieser Stelle aber den Rah­men spren­gen würde.

Fazit

Kli­ma­man­age­ment ist ein wichtiger Bestandteil zur Erre­ichung von Kli­mazie­len – auch mit Blick auf den fortschre­i­t­en­den Kli­mawan­del und die Erwartun­gen von Anspruchs­grup­pen als wesentliche Treiber. Eine THG-Bilanz ist eine Grund­vo­raus­set­zung für die Imple­men­tierung eines wirk­samen Kli­ma­man­age­ments beziehungsweise dessen Inte­gra­tion in ein beste­hen­des Managementsystem.

Für die Erstel­lung ein­er solchen Bilanz ste­ht zum Beispiel die Norm ISO 14064–1 zur Ver­fü­gung, die entsprechende Anforderun­gen an bilanzierungswillige Unternehmen stellt: von der Absteck­ung des Bilanzrah­mens bis zur Berichter­stat­tung zur THG-Bilanz. Unternehmen, die bere­its Umwelt- und/oder Energie­m­an­age­men­tan­forderun­gen nach ISO 14001 beziehungsweise ISO 50001 imple­men­tiert haben (am besten zer­ti­fiziert durch einen unab­hängi­gen Drit­ten), kön­nen bei der THG-Bilanzierung von zahlre­ichen Syn­ergien profitieren.


Foto: DQS GmbH

Autor: Altan Dayankac

Pro­duk­t­man­ag­er und Audi­tor der DQS GmbH,

Experte für Nach­haltigkeits- und Arbeitssicherheitsthemen,

Autor und Mod­er­a­tor in Umwelt- und Arbeitss­chutz-Komi­tees sowie Fachveranstaltungen.

www.dgs.de

Anzeige
Newsletter

Jet­zt unseren Newslet­ter abonnieren

Gewinnspiel
Meistgelesen
Jobs
Sicherheitsbeauftragter
Titelbild Sicherheitsbeauftragter 6
Ausgabe
6.2021
ABO
Sicherheitsingenieur
Titelbild Sicherheitsingenieur 5
Ausgabe
5.2021
ABO
Anzeige

Industrie.de Infoservice
Vielen Dank für Ihre Bestellung!
Sie erhalten in Kürze eine Bestätigung per E-Mail.
Von Ihnen ausgesucht:
Weitere Informationen gewünscht?
Einfach neue Dokumente auswählen
und zuletzt Adresse eingeben.
Wie funktioniert der Industrie.de Infoservice?
Zur Hilfeseite »
Ihre Adresse:














Die Konradin Verlag Robert Kohlhammer GmbH erhebt, verarbeitet und nutzt die Daten, die der Nutzer bei der Registrierung zum Industrie.de Infoservice freiwillig zur Verfügung stellt, zum Zwecke der Erfüllung dieses Nutzungsverhältnisses. Der Nutzer erhält damit Zugang zu den Dokumenten des Industrie.de Infoservice.
AGB
datenschutz-online@konradin.de