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Durchdringungszeit von Handschuhen in der Praxis

Aus der Praxis – für die Praxis
Durchdringungszeit von Handschuhen in der Praxis

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Mit der Norm EN 374–3 – inzwis­chen erset­zt durch EN 16523–1 – wird die Durch­dringung von Hand­schuh­ma­te­ri­alien gemessen. Ergeb­nisse find­en sich in Abschnitt 8.2. von Sicher­heits­daten­blät­tern. Abwe­ichende Bedin­gun­gen wie zum Beispiel höhere Anwen­dung­stem­per­a­turen im Ver­gle­ich zur Normtem­per­atur von 23 °C kön­nen die Durch­dringungszeit von Hand­schuhen und damit die Schutzwirkung der Hand­schuhe erhe­blich verringern.

Der Ein­satz von Hand­schuhen ist eine der zen­tralen per­so­n­en­be­zo­ge­nen Schutz­maß­nah­men im Arbeitss­chutz um sich zum Beispiel bei ätzen­den Stof­fen vor Hautkon­takt zu schützen.

Welche Fall­stricke hier lauern kön­nen, zeigt das fol­gende Beispiel aus der Praxis.

Durchdringungszeit von Handschuhmaterialien

Um den Hautkon­takt mit einem ätzen­den Stoff zu ver­mei­den wurde aus Abschnitt 8.2 des Sicher­heits­daten­blattes (SDB) ein Hand­schuh­ma­te­r­i­al mit ver­meintlich aus­re­ichen­der Durch­dringungszeit ausgewählt.

Aber: Das Hand­schuh­ma­te­r­i­al zer­bröselte buch­stäblich inner­halb weniger Sekun­den beim (unbe­ab­sichtigten) Spritzkon­takt mit der Chemikalie, anstatt „wie laut Angaben aus dem SDB mind. 10 min die Hände zu schützen“.

Was ist hier genau passiert bzw. falsch gelaufen?

Im Rah­men der Gefährdungs­beurteilung wurde für die nur kurzzeit­ige Tätigkeit (wenige Minuten) mit geringer Kon­tak­t­fläche (Spritzer) die Durch­dringungszeit des Hand­schuh­ma­te­ri­als 1 für Spritzkon­takt ( 10 min) als „aus­re­ichend“ bewertet.

Für die Durch­dringungszeit­en gibt es ins­ge­samt 6 Klassen, wie die fol­gende Tabelle zeigt:

Ein Wert „ 10 min“ bedeutet, dass die Durch­dringungszeit bei min­destens 10 Minuten bis max­i­mal 30 Minuten (Wert der näch­sthöheren Klasse) liegt.

Die max­i­male Prüf­dauer liegt bei 480 Minuten. Wenn nach 480 Minuten (8 h) noch keine Durch­dringung gemessen wurde, wird die Mes­sung been­det (und als Klasse 6 deklariert).

Schauen wir uns zuerst die Kennze­ich­nung und die Eigen­schaften der Chemikalie genauer an: In Abschnitt 2.2 des SDBs befind­et sich die Kennzeichnung:

Bei der Gefährdung „Hautverätzung und Augen­schä­den“ (H‑Satz 314) dürfte jedem Anwen­der klar sein, dass „Schutzhandschuhe/ Schutzkleidung/ Augenschutz/ Gesichtss­chutz tra­gen“ Pflicht sind, was durch den gle­ich­nami­gen P‑Satz P280 im SDB deut­lich gemacht wird.

Laut SDB hat die Chemikalie einen Schmelzpunkt von ca. 26 °C, ist also bei der Stan­dard-Raumtem­per­atur (20 °C) fest.

Fest­stoffe kön­nen Hand­schuh­ma­te­ri­alien nicht so ein­fach durch­drin­gen wie das Flüs­sigkeit­en können.

Niedrigschmelzende Feststoffe erwärmen um sie zu verflüssigen

Ganz anders sieht es bei Flüs­sigkeit­en aus: Wenn ein „niedrigschmelzen­der“ Fest­stoff auf Tem­per­a­turen ober­halb seines Schmelzpunk­ts (hier 26 °C) erwärmt wird und damit zur Flüs­sigkeit wird, kann die Chemikalie das Hand­schuh­ma­te­r­i­al viel leichter durchdringen.

Und genau das war hier passiert: Um den bei Raumtem­per­atur sehr zäh­flüs­si­gen Fest­stoff aus der Vor­rats­flasche in die Appa­ratur „gießen“ zu kön­nen wurde die Chemikalien­flasche auf eine Tem­per­atur von mehr als 26 °C erwärmt.

In diesem Zusam­men­hang ist es wichtig zu wis­sen, dass bei der Prü­fung von Hand­schuh­ma­te­ri­alien gegen die Durch­dringung (gemäß der Norm EN 374–3, inzwis­chen erset­zt durch EN 16523–1) eine Prüftem­per­atur von 23 °C vorgeschrieben ist.

Haftungsausschluss in SDB bezogen auf abweichende Bedingungen

Aus diesem Grund befind­et sich in vie­len Sicher­heits­daten­blät­tern in Abschnitt 8.2 ein sog. „Haf­tungsauss­chluss“ der zum Beispiel bei höheren Anwen­dung­stem­per­a­turen Bedeu­tung gewin­nt. Der Satz lautet meis­tens so ähn­lich wie: „Die Werte der Durch­dringungszeit­en gel­ten nur für das im SDB genan­nte Pro­dukt, das von uns geliefert wird und den von uns angegebe­nen Ver­wen­dungszweck. Bei der Lösung in oder bei der Ver­mis­chung mit anderen Sub­stanzen und bei von der EN 374 abwe­ichen­den Bedin­gun­gen müssen Sie sich an den Liefer­an­ten von CE-genehmigten Hand­schuhen wenden.“

Genau hier liegt der Knack­punkt: Bei der Erwär­mung der Chemikalie auf über 26 °C wird von den Prüf­be­din­gun­gen der EN 374 (Prüftem­per­atur: 23 °C) abgewichen. Damit kann – nicht muss – sich die Durch­dringungszeit verändern.

Messung der Durchdringungszeiten bei höheren Temperaturen

Daraufhin wur­den für zwei Hand­schuh­ma­te­ri­alien die Mes­sung der Durch­dringungszeit­en bei Tem­per­a­turen von
23 °C und von ein­er deut­lich höheren Tem­per­atur (60 °C) in Auf­trag gegeben mit fol­gen­den Ergebnissen:

  • Bei dem Hand­schuh­ma­te­r­i­al für den Spritzkon­takt (1) ist die Durch­dringungszeit bei Tem­per­a­tur­erhöhung von 23 °C auf 60 °C von ca. 25 min auf 0 min abgesunken.
  • Bei dem Hand­schuh­ma­te­r­i­al für den Vol­lkon­takt (2) bleibt die Durch­dringungszeit trotz Tem­per­a­tur­erhöhung unverän­dert (480 min bei 23 °C und
    60 °C), wie die fol­gende Graphik zeigt:

Die TRGS 401 weist eben­falls darauf hin, dass die Durch­dringungszeit stark tem­per­at­urab­hängig ist und dass, wenn die Durch­dringungszeit entsprechend der Norm bei 23 °C ermit­telt wor­den ist, die max­i­male Tragedauer unter Prax­is­be­din­gun­gen auf ein Drit­tel zu kürzen ist.

Normbedingungen entsprechen nicht Arbeitsplatzbedingungen

An dieser Stelle fra­gen Sie sich bes­timmt, wozu man dann über­haupt Ergeb­nisse aus Nor­men braucht, wenn diese mit den Bedin­gun­gen am Arbeit­splatz nicht ver­gle­ich­bar sind?

Normergeb­nisse mit stan­dar­d­isierten Prüf­be­din­gun­gen – also z.B. 23 °C – ermöglichen einen schnellen und ein­fachen Pro­duk­tver­gle­ich bezüglich der Schutzwirkung – mehr aber auch nicht!

Die Frage wäre ja auch: Bei welchen anderen Tem­per­a­turen soll denn dann son­st noch gemessen wer­den? 30, 40, 50 °C? Da wür­den sich wahrschein­lich gle­ich mehrere weit­ere Tem­per­a­turen anbi­eten. Der Mes­saufwand würde schnell ins Uner­messliche steigen und ein direk­ter Ver­gle­ich aller Hand­schuhe bei ein­er Tem­per­atur wäre nur noch schw­er möglich.

Normtemperatur von 23 °C entspricht ungefähr der Raumtemperatur

Aber warum wird ger­ade bei ein­er Tem­per­atur von 23 °C und nicht 33 °C gemessen? Es ist ja bekan­nt, dass sich getra­gene Hand­schuhe auf­grund der Kör­pertem­per­atur von 37 °C auf 33 °C erwärmen.

Das lässt sich leicht erk­lären: Es ist weniger aufwendig, die Prü­fap­pa­ratur und die Prü­fumge­bung kon­stant bei ein­er Tem­per­atur von 23 °C zu hal­ten, die ja unge­fähr der Raumtem­per­atur entspricht als bei ein­er höheren Tem­per­atur von zum Beispiel 33 °C!

Mit Absicht wurde in diesem Prax­is­beispiel wed­er die Chemikalie noch das Hand­schuh­ma­te­r­i­al oder der Hand­schuh­her­steller oder ‑liefer­ant mit Namen genan­nt. Denn es geht in diesem Artikel nicht um das „Ver­sagen“ eines bes­timmten Hand­schuh­ma­te­ri­als, son­dern um die Sen­si­bil­isierung bezüglich der richti­gen Auswahl von Schutzhand­schuhen, und deren Ein­satz. Und let­zten Ende ste­ht dieses Prax­is­beispiel auch nur stel­lvertre­tend für viele abwe­ichende Bedin­gun­gen von Prüfnor­men wie zum Beispiel Lösung oder Ver­mis­chung mit anderen Substanzen.

Fazit und Unterweisung

Bei der Gefährdungs­beurteilung von Tätigkeit­en mit Gefahrstof­fen müssen alle Randbe­din­gun­gen wie zum Beispiel (erhöhte) Anwen­dung­stem­per­a­turen genau betra­chtet wer­den um sich­er mit Gefahrstof­fen arbeit­en zu können.

Dieses Beispiel ver­wen­den wir sehr oft in Unter­weisun­gen zum The­ma PSA und Chemikalien­schutzhand­schuhe – etwas drastis­ch­er und anschaulich­er dargestellt, als im Rah­men dieses Beitrags. Denn es geht darum, die Mitar­beit­er für die vielfälti­gen „das alles kann in der Prax­is passieren, das alles ist wichtig zu bedenken“ zu informieren und zu sen­si­bil­isieren. So dass diese möglichst alle Ge- und Ver­bote ken­nen und im eige­nen Inter­esse auch berück­sichti­gen. Und dafür, damit die Mitar­beit­er ihren gesun­den Men­schen­ver­stand, der bei allen vorhan­den ist, auch wirk­lich wagen einzuset­zen und zu nutzen.


Autorin: Dr. Bir­git Stöffler

Sicher­heitsin­ge­nieurin, stel­lv. Mitglied
im Auss­chuss für Gefahrstoffe (AGS),
Lehrbeauf­tragte an der TU Darmstadt

Foto: privat
Alle Grafiken: B. Stöffler
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