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Sicherheit in der Intensivmedizin durch gelingende Kommunikation

Die Bedeutung der Kommunikation für die Sicherheit in der Intensivmedizin
Sicher und souverän – auch unter Zeitdruck

Erschöpfter_Klinikarzt_in_Intensivstation_bei_Coronavirus-Pandemie
Ärzte und Pflegende auf Intensivstationen sind psychisch oft erschöpft – lebenswichtige gute Kommunikation ist unter diesen Bedingungen nur schwer möglich. Foto: © Robert Kneschke – stock.adobe.com
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Weltweit sind die Inten­sivs­ta­tio­nen durch die Coro­na-Pan­demie in beson­der­er Weise gefordert. Die Kom­mu­nika­tion nimmt hier in vielfach­er Hin­sicht eine Schlüs­sel­rolle ein. Wie kön­nen die Ansprüche an eine weit­er­hin angemessene und men­schen­würdi­ge Inten­sivbe­hand­lung in den Kliniken gewährleis­tet wer­den? Wie kann für die Sicher­heit für Pati­entin­nen und Patien­ten auf den Inten­sivs­ta­tio­nen gesorgt werden?

Die Arbeit auf Inten­sivs­ta­tio­nen in Kliniken und Kranken­häusern ist geprägt durch meist hohe psy­chis­che und physis­che Belas­tung. Oft müssen unter hohem Zeit­druck Entschei­dun­gen über medi­zinis­che Ein­griffe gefällt wer­den, die über Leben und Tod entschei­den kön­nen. Men­schliche Fehler kön­nen weitre­ichende Fol­gen haben. Hier sichert die pro­fes­sionelle und gelin­gende Kom­mu­nika­tion Menschenleben.

Kom­mu­nika­tion­sstörun­gen sind dabei häu­fig die Ursache von Fehlern. Für alle Mitar­bei­t­erin­nen und Mitar­beit­er sind Inten­sivs­ta­tio­nen außer­dem die am stärk­sten emo­tion­al belasteten Bere­iche im Kranken­haus. Fol­gende Fak­toren spie­len hier eine Rolle:

  • Beson­dere physis­che Belas­tung für Ärzte und Pflegeper­son­al durch Schichtdienst
  • Hohe Arbeits­be­las­tung von teils bis zu 60 Stun­den pro Woche und mehr
  • Immer höhere Tech­nisierung der Arbeit­sumge­bung und „Teilung“ der Arbeitsbereiche
  • Arbeit in per­ma­nen­ter Erwartung unvorherge­se­hen­er Ereignisse und daraus fol­gen­der Abläufe, was eine per­ma­nente Dauer­aufmerk­samkeit erfordert
  • Ständi­ge Bere­itschaft, insta­bile, mul­ti­mor­bide und/oder auch lebens­bedrohlich erkrank­te Men­schen (Coro­na-Patien­ten) aufzunehmen
  • Plöt­zlich­es Auftreten von Kom­p­lika­tio­nen rund um die Uhr, die auch lebens­bedrohlich sein kön­nen und die sofor­tiges Han­deln erfordern
  • Befunde und Ther­a­piepläne müssen inner­halb kürzester Zeit aus­gew­ertet, über best­mögliche Ther­a­pi­en schnell entsch­ieden werden
  • Hohe Sterblichkeit, auch auf­grund der Entschei­dung für oder gegen Oper­a­tio­nen, die vom Per­son­al seel­isch ver­ar­beit­et wer­den müssen
  • In der Coro­na-Krise höch­ster Druck durch die Ein­hal­tung von Vor­sichts­maß­nah­men und Unsicher­heit über das richtige Ver­hal­ten gegenüber Patien­ten und auch im Team gegenüber dem „neuen“ Virus

Tiefe Müdigkeit und Aggressivität zugleich

Es ver­wun­dert daher nicht, dass die hohe Arbeits­dichte und der emo­tionale Stress von den Mitar­bei­t­en­den auf den Inten­sivs­ta­tio­nen nicht immer adäquat physisch und psy­chisch bewältigt wer­den kann. Psy­chis­che Erschöp­fungssyn­drome sind bei Ärzten und Pfle­gen­den auf Inten­sivs­ta­tio­nen häu­fig festzustellen. Symp­tome sind emo­tionale Erschöp­fung, tiefe Müdigkeit, Antrieb­slosigkeit bei gle­ichzeit­iger Aggres­siv­ität und Dis­tanziertheit. Diese Symp­tome zeich­nen auch das Burnout-Syn­drom aus. Nicht zu Unrecht gehen ärztliche und pfle­gende Tätigkeit­en mit einem erhöht­en Burnout-Risiko einher.

Aus­lös­er sind häu­fig Kon­flik­te im Team, hohe Arbeits­be­las­tung und „End-of-life“-Situationen.

Eine kol­le­giale Kom­mu­nika­tion kann solchen Erschöp­fungssyn­dromen ent­ge­gen­wirken, inter­pro­fes­sionelle Gespräch­srun­den stellen die Grund­lage für eine gesunde Team­struk­tur dar. Man­gel­hafte Kom­mu­nika­tion, zum Beispiel in Not­fall­si­t­u­a­tio­nen oder bei Über­gaben, gefährdet die Patien­ten­sicher­heit und führt im schlimm­sten Fall zu Behand­lungs­fehlern. Maß­nah­men zur Verbesserung der Kom­mu­nika­tion auf der Inten­sivs­ta­tion müssen daher in jedem Fall ergrif­f­en wer­den, denn Kom­mu­nika­tion auf der Inten­sivs­ta­tion ist im wahrsten Sinne des Wortes lebensnotwendig.

Fol­gende Hin­dernisse ste­hen diesem hohen Kom­mu­nika­tions­be­darf entgegen:

  • Organ­is­che und seel­is­che Auswirkun­gen von Krankheit­en auf die emo­tionale Befind­lichkeit des Patien­ten und damit auch auf die Fähigkeit zu kommunizieren
  • Kom­mu­nika­tion­shin­dernisse durch die man­gel­nde Infor­ma­tion­sweit­er­gabe beim Schicht­di­enst (hier spie­len Zeitk­nap­pheit, Über­mü­dung und unter­schiedlich­es Kom­mu­nika­tionsver­hal­ten eine Rolle)
  • Störun­gen in den Beziehun­gen der behan­del­nden Ärzte und des Pflegeper­son­als (unaus­ge­sproch­ene und schwe­lende Kon­flik­te und Missverständnisse)
  • Sprach­liche Bar­ri­eren (zum Beispiel aus soziokul­turellen Grün­den, aber auch zwis­chen jungem und altem Personal)
  • Zeit­druck, Über­las­tung und Aus­bil­dungs­de­fizite im Arbeit­steam (Schicht­di­en­ste, Nachtschicht­en, unvoll­ständi­ger Freizeitausgleich)

Fol­gende Sit­u­a­tio­nen auf den Inten­sivs­ta­tio­nen sind „störan­fäl­lig“ in der Kommunikation:

  • Über­gaben bei Schichtwech­sel (Arzt-Arzt, Arzt-Pflege, Pflege-Pflege)
  • Ver­legung von Pati­entin­nen und Patienten
  • Not­fall­si­t­u­a­tio­nen

Hier spie­len Unter­brechun­gen und Ablenkun­gen durch Kol­legin­nen und Kol­le­gen, Tele­fonate, aber auch Über­mü­dung und Erschöp­fung nach lan­gen Arbeit­sta­gen eine große Rolle, viele Mitar­bei­t­erin­nen und Mitar­beit­er sind zum einen kaum noch in der Lage, konzen­tri­ert und aufmerk­sam zu kom­mu­nizieren und um anderen scheint es häu­fig kaum möglich, ungestörte Gesprächssi­t­u­a­tio­nen herzustellen.

Wie sieht an größtmöglicher Sicherheit orientierte Kommunikation aus?

Es scheint zunächst geboten, die sicher­heit­srel­e­vante Bedeu­tung der Kom­mu­nika­tion in der Inten­sivmedi­zin sowohl von Seit­en der Klinikleitung als auch im Inten­sivteam anzuerken­nen. Die lei­t­en­den Ärztin­nen und Ärzte müssen trotz Zeit­not und der Dringlichkeit des ärztlichen Tuns auf den Inten­sivs­ta­tio­nen stets die Entwick­lung ein­er guten Arbeit­sat­mo­sphäre und eines Zusam­men­halts im Blick haben.

Ein erster Schritt in diese Rich­tung wäre es, fol­gende Kom­mu­nika­tion­sziele anzusteuern:

  • Regelmäßige und feste Infor­ma­tion­sstruk­turen fes­tle­gen (Welch­er Ort? Welche Zeit? Welch­es Team? Art der Behandlung?)
  • Rolle und Funk­tion der einzel­nen Team­mit­glieder genau festlegen
  • Teamge­spräche als wichti­gen Bestandteil der täglichen Arbeit auf der Inten­sivs­ta­tion inte­gri­eren (Vorge­spräche, Kom­mu­nika­tion während der Oper­a­tion, Nachge­spräche nach Patientenentlassung)
  • Kom­mu­nika­tion über emo­tionale Belas­tung des Teams im Kon­takt mit den indi­vidu­ellen Schick­salen der Pati­entin­nen und Patien­ten im Nach­gang ermöglichen (schwierige medi­zinis­che Entschei­dun­gen, Rean­i­ma­tio­nen, Sterbebegleitung)
  • Kom­mu­nika­tion über Arbeit­szeit­gestal­tung, die Burnout und Über­mü­dung ver­hin­dern soll (Mit­gestal­tung des Dien­st­plans und die Teil­nahme an klinikin­ter­nen Forschungsprojekten)
  • Über den Umgang mit den Restrik­tio­nen durch die Coro­n­a­pan­demie und daten­schutzrechtliche Ein­schränkun­gen sprechen und die Möglichkeit der Gestal­tung von und Mitwirkung bei Kom­mu­nika­tion schaffen

Direk­ter und kol­le­gialer Aus­tausch in ein­er offe­nen Gespräch­sat­mo­sphäre sollte somit das Ziel ein­er verbesserten Kom­mu­nika­tion auf den Inten­sivs­ta­tio­nen der Kliniken sein, um die psy­chis­che und physis­che Gesund­heit der Mitar­bei­t­erin­nen und Mitar­beit­er zu gewährleis­ten. Um die Sicher­heit der Pati­entin­nen und Patien­ten sicherzustellen, muss das Prob­lem Burn-out bekämpft wer­den. Dafür ist eine gut struk­turi­erte und auch stan­dar­d­isierte Kom­mu­nika­tion sehr hilfreich.

Pro­fes­sionelle Kom­mu­nika­tion in Inten­sivs­ta­tio­nen ver­hin­dert Behand­lungs­fehler und muss in regelmäßi­gen Weit­er­bil­dun­gen und durch Vor­bere­itung auf ver­schiedene „Not­fall­si­t­u­a­tio­nen“ (zum Beispiel Rean­i­ma­tion­strain­ings in Sim­u­la­torzen­tren) geübt wer­den. Beson­ders wichtig ist das Trainieren von „gen­uinen“ Not­fall­si­t­u­a­tio­nen. Häu­fig wer­den diese aber noch nicht regelmäßig durchgeführt.

Checklisten für vollständige Faktenübermittlung

Als eine mögliche konkrete Strate­gie zur Ver­mei­dung von Infor­ma­tionsver­lus­ten sind Über­gabecheck­lis­ten, so zum Beispiel die soge­nan­nte 5‑Fin­ger-Meth­ode entwick­elt wor­den (siehe Tabelle oben). Gegenüber der „klas­sis­chen“ Über­gabe­meth­ode haben die Beteiligten mehr wichtige Fak­ten zum jew­eili­gen Patien­ten bekom­men. Diese Meth­ode ist ins­beson­dere für jün­gere Kol­legin­nen und Kol­le­gen inter­es­sant, die noch über wenig Erfahrung in Über­gabesi­t­u­a­tio­nen verfügen.


Foto: © Till Eit­el eyetill.com

Autorin: Friederike Inv­ernizzi, M.A.
Redak­teurin, Kommunikationstrainerin
und ‑bera­terin

f.invernizzi@web.de

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