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PSAgA: Folgenschwere Anwendungsfehler inszeniert

„Stiftung Wahnsinn-Test“
PSAgA: Folgenschwere Anwendungsfehler inszeniert

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Was passiert, wenn bei der Absturzsicherung auf einen Falldämpfer „verzichtet“ wird? Welche Ver­let­zun­gen dro­hen bei einem falsch angeschla­ge­nen Kara­bin­er? Die Beruf­sgenossen­schaft Bau und der Her­steller Spanset haben zu Demon­stra­tionszweck­en typ­is­che Anwen­dungs­fehler von PSA gegen Absturz durchge­spielt – mit schock­ieren­den Ergebnissen.

Die Akteure von BG BAU und Spanset „sicherten“ in filmisch fest­ge­hal­te­nen Fall­tests die Gewichte, Tor­sos und Dum­mys so, wie es unter keinen Umstän­den gemacht wer­den sollte, aber den­noch häu­fig geschieht. Die Ergeb­nisse bestäti­gen, was die Experten immer wieder predi­gen: Die beste Per­sön­liche Schutzaus­rüs­tung gegen Absturz (PSAgA) nutzt nichts, wenn man bei der Anwen­dung Fehler macht.

Wider alle Vernunft

Den Sicher­heits­gurt im Auto legt sich nie­mand um den Hals – schließlich kön­nte ein schar­fes Brems­man­över dann übel aus­ge­hen. Bei der Höhen­sicherung fehlt hinge­gen oft die Ein­sicht, dass das Equip­ment nach sachgerechter Hand­habung ver­langt. „Es gibt etliche Fälle von falsch­er Anwen­dung, bei denen die Gren­ze zum Leichtsinn weit über­schrit­ten wird“, sagt Jörg Scheilen, Anwen­dung­stech­niker und Bere­ich­sleit­er Höhen­sicherung­stech­nik bei Spanset. In Fach­schu­lun­gen warnt er die Teil­nehmer vor den Gefahren von Fehlanwen­dun­gen. Um seine Aus­sagen zu bekräfti­gen, sind Spanset und die BG Bau jet­zt einen Schritt weit­er gegan­gen. Nach dem Mot­to „Ein­mal sehen ist bess­er als hun­dert­mal hören“ haben sie den „alltäglichen Wahnsinn“ getestet und die haarsträuben­den Fol­gen filmisch dokumentiert.

Ohne Falldämpfer

So zum Beispiel beim Ver­such ohne Falldämpfer. 100 Kilo­gramm sausen 50 Zen­time­ter in die Tiefe. Der Kör­p­er ist durch eine Schlinge nach EN 795 gesichert. Aber auf den Falldämpfer wurde verzichtet. Das Ergeb­nis: Der Kör­p­er wird mit ein­er Fangstoßkraft von 11,31 Kilo­new­ton (kN) bru­tal gebremst. Das ist mehr als gefährlich: Bei 6 kN ist mit leicht­en, ab 8 kN mit schw­eren Ver­let­zun­gen zu rech­nen. „Bei 11,31 kN muss man von schw­er­sten Fol­gen und irre­versiblen Gesund­heitss­chä­den aus­ge­hen“, weiß Scheilen. Und das bei ein­er Fall­höhe von ger­ade mal einem hal­ben Meter!

Je größer die Fall­höhe, desto brisan­ter die Ergeb­nisse. Auch das zeigen die Filme: Ein 100 Kilo­gramm schw­er­er Tor­so stürzt zwei Meter und wird ohne Falldämpfer aufge­fan­gen. Auf ihn wirken 12,70 kN. Bei vier Metern sind es schon 16,26 kN. Irgend­wann endet es tödlich. „Das Schlimme ist, dass diese Tests genau das simulieren, was Fach­leute immer wieder bei konkreten Anwen­dun­gen beobacht­en. Wer meint, ein Falldämpfer sei unnötig, sollte sich unbe­d­ingt unseren Film anschauen“, emp­fiehlt Scheilen.

Zu viel des Guten

Von wegen „dop­pelt hält bess­er“: Dass der Volksmund bei Sicher­heits­fra­gen lieber schweigen sollte, beweist ein ander­er Fall­test, bei dem zwei par­al­lel ange­ord­nete Verbindungsmit­tel mit jew­eils eigen­em Falldämpfer zum Ein­satz kom­men. Bei 100 Kilo­gramm Prüfgewicht und ein­er Fall­höhe von drei Metern wirkt eine gefährlich große Fangstoßkraft von 10,14 kN auf den Kör­p­er ein. Bei einem Y‑Verbindungsmittel mit einem Falldämpfer hal­biert sich dieser Wert nahezu auf 5,51 kN, wenn bei­de Stränge einge­hängt sind. Auch dieser Ver­such ist im Film festgehalten.

Dummy geschrottet

Eben­so anschaulich wie abschreck­end wurde eine weit ver­bre­it­ete Schlu­drigkeit nachgestellt: Ein Mon­teur hängt den freien Strang eines Y‑Verbindungsmittels nicht wie vorgeschrieben in eine Fix­ieröse, son­dern in die seitliche Hal­teöse des Auf­fang­gur­tes. Die möglichen Fol­gen dieses groben Unfugs haben Spanset und BG Bau an einem 85 Kilo­gramm schw­eren Dum­my unter­sucht und ihn dabei gle­ich mal geschrot­tet: Zur Über­raschung der Experten ist der Kara­bin­er neun Zen­time­ter tief in den Rumpf einge­drun­gen, hat diesen regel­recht aufgeschlitzt. Neun Zen­time­ter! Das ist so, als wür­den sich zwei Drit­tel eines Kugelschreibers in den Kör­p­er bohren. „Das hat selb­st Rou­tiniers in Sachen PSA geschockt“, erin­nert sich Scheilen. „Vor allem, weil uns bewusst ist, wie oft dieser Fehler tat­säch­lich gemacht wird.“ Der Film zum Ver­such hat die Beschädi­gung des Dum­mys ein­drucksvoll fest­ge­hal­ten. Wer ihn gese­hen hat, wird sich kün­ftig zweimal über­legen, ob er einen Kara­bin­er an der falschen Stelle einhängt.

Die PSAgA trägt man nur für den Fall eines Absturzes. Wenn es nicht dazu kommt, bleibt eine Fehlanwen­dung ohne Kon­se­quen­zen“, sagt Scheilen. Das sei für den konkreten Einzelfall ein Segen, aber gle­icher­maßen auch ein Fluch. „Denn wer sich der Gefahr nicht bewusst ist und Aus­rüs­tung falsch anwen­det, der fordert sein Schick­sal her­aus.“ Die Filme von den Fall­tests hat Spanset auf seinem YouTube-Kanal hochge­laden. Sie sind für Schu­lungszwecke geeignet und dürften dazu beitra­gen, weniger fahrläs­sig im Umgang mit PSAgA zu handeln.


Alarmierende Zahlen am Bau

Abstürze und Durchstürze vermeiden

Wegen fehlen­der Sicherungs­maß­nah­men kommt es immer wieder zu schw­eren und tödlichen Absturzun­fällen am Bau. Eine alarmierende Entwick­lung verze­ich­nete die BG BAU ins­beson­dere in den ersten fünf Monat­en dieses Jahres: Sie erfasste 40 tödliche Arbeit­sun­fälle auf Baustellen – fast 20 Prozent mehr als im Vor­jahreszeitraum. Laut Auswer­tung lassen sich die Hälfte der Unfälle auf Abstürze oder Durch­stürze zurückführen.

Allein zwis­chen April und Mitte Mai verunglück­ten sechs Men­schen bei Dach-Durch­stürzen tödlich. Das sind nahezu so viele wie im gesamten Jahr 2019. Auch die Anzahl tödlich­er Absturzun­fälle von Leit­ern, Gerüsten oder Däch­ern ist auf­fal­l­end hoch. Nach Auswer­tung der BG BAU sind die meis­ten Unfälle auf Ver­stöße gegen Arbeitss­chutzvorschriften zurück­zuführen. Prob­leme bere­it­en aber auch das fehlende Gefahren­be­wusst­sein sowie Nach­läs­sigkeit­en von manchen Beschäftigten.

Corona bindet Aufmerksamkeit

Bern­hard Arenz, Präven­tion­sleit­er der BG BAU, sieht zudem einen möglichen Zusam­men­hang mit der Coro­na-Pan­demie: „Seit Wochen dominieren das Coro­n­avirus und die entsprechen­den Regelun­gen die Arbeitswelt. Ver­ständlich, dass damit viel Aufmerk­samkeit und Energie auf den Baustellen, die ja nach wie vor weit­er­ar­beit­en, gebun­den wird“, kom­men­tierte er das erhöhte Unfallgeschehen während des Lock­downs. Dies dürfe jedoch keines­falls dazu führen, dass der Arbeitss­chutz generell aus dem Blick ger­ate. „Denn die Beschäftigten bezahlen dies unter Umstän­den mit ihrem Leben.“

Vorsicht bei Oberlichtern

Ger­ade Licht­bän­der und Lichtkup­peln, zum Beispiel aus Acryl oder Poly­car­bon­at, kön­nen zu Todes­fall­en wer­den. Nach der Her­stel­lung zunächst durch­sturzsich­er, wird der Kun­st­stoff auf­grund der Wit­terung sowie nutzungs­be­d­ingt gegebe­nen­falls spröde. Bei allen Ober­lichtern, wie Lichtkup­peln, Licht­bän­dern, Licht­plat­ten, Glasober­lichtern und Shed-Ver­glasun­gen, ist deshalb Vor­sicht geboten: „Ober­lichter müssen mit fes­ten Absturzsicherun­gen wie Gelän­dern oder durch innen- oder außen­liegende Git­ter geschützt sein“, betont der Präven­tion­sleit­er. Bei allen Arbeit­en in der Umge­bung, etwa beim Auswech­seln von Ober­lichtern, müssten zudem eine geeignete Per­sön­liche Schutzaus­rüs­tung und ein Ret­tungskonzept vorhan­den sein.

Beratung und Förderung

Die Präven­tion­sex­perten der BG BAU set­zen sich inten­siv mit dem aktuellen Phänomen auseinan­der und ver­suchen gegen­zus­teuern – durch Aufk­lärung, Sen­si­bil­isierung und ver­stärk­te Baustel­lenbe­suche. Damit die Tätigkeit an hoch gele­ge­nen Arbeit­splätzen sicher­er wird, fördert die BG BAU darüber hin­aus bei ihren Mit­glied­sun­ternehmen die Anschaf­fung spezieller Sicherungssys­teme wie Kle­in­sthubar­beits­büh­nen, Ein-Per­so­n­engerüste oder tem­poräre Life­line-Sys­teme mit Höhen­sicherungs­gerät und Auf­fang­gurt. Weit­ere Infor­ma­tio­nen zu den Arbeitss­chutzprämien gibt es unter

www.bgbau.de/praemien


Jörg Scheilen
Foto: SpanSet
 

Drei Fra­gen an Jörg Scheilen

Anwendern die Augen öffnen

Jörg Scheilen ist Anwen­dung­stech­niker und Bere­ich­sleit­er Höhen­sicherung­stech­nik beim Her­steller Spanset. Bei seinen Schu­lun­gen und in der Prax­is stößt er häu­fig auf falsche Ein­schätzun­gen und Fahrläs­sigkeit­en bei der Absturzsicherung.

 

Herr Scheilen, offen­sichtlich wird bei der Anwen­dung von PSAgA einiges falsch gemacht. Ist eine kor­rek­te Absturzsicherung zu kom­pliziert – sprich, eine Wis­senschaft für sich – oder wer­den die Gefahren ein­fach unterschätzt?

Die Anwen­dung ist nicht kom­pliziert, aber man muss einige Dinge beacht­en wie eben über­all. Aus mein­er Sicht fehlt ein­fach das Wis­sen um die Hin­ter­gründe und Kon­se­quen­zen. Wenn ich Schu­lung­steil­nehmer frage, welche Kraft bei einem Vier-Meter-Sturz bei einem Gewicht von 100 Kilo­gramm auftreten, dann schätzen die meis­ten 3 bis 4 kN, also 300 bis 400 Kilo­gramm. Dabei sind es aber mehr als 16 kN.

Welch­er der aus­ge­führten Fall­tests hat Sie selb­st am meis­ten geschockt? Wie sind all­ge­mein die Reak­tio­nen auf die Filme?

Am meis­ten geschockt hat mich der Test mit dem Dum­my, den wir aufge­spießt haben. Damit hat­te wirk­lich kein­er gerech­net. Auch die Her­ren von der Beruf­sgenossen­schaft nicht. Aber genau diese Anwen­dung sehen wir sehr oft – auch und ger­ade bei geschul­ten Per­so­n­en, die sich des Prob­lems nicht
bewusst sind und die möglichen Kon­se­quen­zen nicht sehen wollen. Die Filme helfen bei Schu­lun­gen, den Anwen­dern die Augen zu öff­nen. Es fragt sich halt nur, wie lange das dann anhält.

Die BG BAU beklagt ger­ade in jün­ger­er Zeit auf­fal­l­end viele Todes­opfer durch Abstürze auf Baustellen und ver­mutet, dass die erschw­erten Arbeits­be­din­gun­gen durch die Coro­na-Pan­demie Anteil daran haben. Sehen Sie hier eben­falls einen Zusammenhang?

Da ich die Zahlen nicht vor mir habe, kann ich das lei­der nicht beurteilen. Ich weiß aber auch nicht, ob es da einen Zusam­men­hang geben kön­nte. Aber klar – wer abge­lenkt oder gedanklich woan­ders ist, riskiert hier im wahrsten Sinne Kopf und Kragen.

Die Fra­gen stellte Petra Jauch

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