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Vorfahrt für die Vision Zero

Vorfahrt für die Vision Zero
Vor welchen Herausforderungen stehen die Unternehmen?

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Die „Vision Zero“ ist das Leit­bild sowohl für den unfall­freien Straßen­verkehr als auch das gesund­heit­sori­en­tierte Unternehmen. Mit der rev­o­lu­tionären Antrieb­stech­nik der Elek­tro­mo­bil­ität ändern sich in bei­den Bere­ichen die Aus­gangs­be­din­gun­gen für die Umset­zung des Leit­bildes teil­weise radikal. Was bedeutet die neue Tech­nolo­gie für den Verkehr all­ge­mein sowie den betrieblichen Arbeits- und Gesund­heitss­chutz? Ein Inter­view mit Prof. Dr. Wal­ter Eichen­dorf, Präsi­dent des Deutschen Verkehrssicher­heit­srats (DVR).


Dieses Inter­view stammt aus Sicher­heitsin­ge­nieur 1/2020. Zwei kosten­lose Probeaus­gaben von Sicher­heitsin­ge­nieur kön­nen Sie hier bestellen.


Das Inter­view führte Joerg Hen­siek

Herr Prof. Dr. Eichen­dorf, reden wir zunächst über die Vision Zero für den Straßen­verkehr. Stellt die Elek­tro­mo­bil­ität eine Gefährdung der Vision Zero dar oder ist sie für deren Real­isierung eher förder­lich?

Eichen­dorf: Bei­des, denn es muss sehr deut­lich nach der Fahrzeu­gart unter­schieden wer­den. Gut sieht es bei Pkw aus: Wir gehen nach allen ver­füg­baren Infor­ma­tio­nen davon aus, dass gerin­gere Geschwindigkeit­en gefahren wer­den. Denn so lässt sich der Ver­brauch reduzieren und die Reich­weite ver­längern. Das käme der Vision Zero zugute. Wir gehen auch davon aus, dass sich Beschäftigte wegen der Reich­weit­en­be­gren­zung und eingeschränk­ter Lademöglichkeit­en im Vor­feld inten­siv­er mit ihrer Routen- und Zeit­pla­nung auseinan­der­set­zen, sich also anders und bess­er als bish­er auf die Fahrt vor­bere­it­en. Dadurch wer­den die Fahrten entspan­nter. Auch das trägt zur Vision Zero bei.

Bei E‑Scootern beziehungsweise Elek­tro-Tretrollern sieht es lei­der anders aus. In den ver­gan­genen Monat­en kon­nten wir beobacht­en, dass es auf­grund der fahrphysikalis­chen Eigen­schaften dieser Fahrzeuge, ver­mehrt zu Stürzen kommt, teil­weise mit schw­eren Ver­let­zun­gen. Nicht zu unter­schätzen ist, dass Elek­tro­mo­bil­ität leise ist und nicht die bish­er im Straßen­verkehr gewohn­ten Geräusche verur­sacht. Dies führt derzeit immer wieder zu Kon­flik­t­si­t­u­a­tio­nen mit anderen Verkehrsteil­nehmenden.

Was sind die großen Her­aus­forderun­gen der Elektromobilität/von Elek­tro­fahrzeu­gen für die Unternehmen bezüglich Arbeitssicher­heit und Gesund­heitss­chutz?

Für die Unternehmen gilt: Es sind erhe­blich andere Fahrzeuge als bish­er. Ihre Nutzung muss als zwin­gende Arbeit­ge­berpflicht in der Gefährdungs­beurteilung berück­sichtigt wer­den und dabei sind geeignete Maß­nah­men abzuleit­en und schriftlich zu doku­men­tieren. Geschieht das nicht, dro­hen Geld­bußen und bei Unfällen sog­ar Regress­forderun­gen. Zu den aus der Gefährdungs­beurteilung abgeleit­eten und doku­men­tierten Maß­nah­men kann zum Beispiel eine Helmpflicht gehören.

Für die Beschäftigten gilt: Die Elek­tro­mo­bil­ität stellt einen neuen, span­nen­den Trend dar, sorgt jedoch auch für Verun­sicherung. Beschäftigte müssen sich umstellen. Elek­troau­tos müssen anders gefahren wer­den als Fahrzeuge mit Ver­bren­nungsmo­toren. Die Anzeigen im Cock­pit unter­schei­den sich von den bish­er gewohn­ten Instru­menten. Die Reich­weit­en der Fahrzeuge sind geringer als die von Fahrzeu­gen mit Ver­bren­nungsmo­toren und hän­gen stark von bish­er nicht beachteten Fak­toren wie Heizung, Kli­ma­tisierung, Sitzheizung und so weit­er ab. Und nicht zulet­zt unter­schei­den sich auch die Fahrzeug­mod­elle in ihrer Hand­habung, sowohl bei Lade­vorgän­gen als auch in der Fahrweise.

Für bei­de gilt: Es geht um mod­i­fizierte Fahrkom­pe­ten­zen. Hier ist der Arbeitss­chutz in den Unternehmen gefordert, entsprechend zu reagieren und zum Beispiel vor der ersten Nutzung ein Verkehrssicher­heit­strain­ing anzu­bi­eten. Denn unsicheres Fahrver­hal­ten macht den Verkehr unsicher­er.

Das gilt genau­so für den Umstieg von einem Fahrrad auf ein Ped­elec. Ped­elecs wer­den anders gefahren und zeigen ein anderes Ver­hal­ten als Fahrräder.
Da Ped­elecs höhere Durch­schnitts­geschwindigkeit­en erre­ichen, muss auch der Verkehrsraum anders beobachtet wer­den als auf dem Fahrrad.

Wie soll­ten die Unternehmen auf diese Her­aus­forderun­gen angemessen reagieren? Was sind hier­bei die wichtig­sten Aktions­felder?

Unternehmen müssen ihre Beschäftigten inten­siv auf die Nutzung von Elek­troau­tos vor­bere­it­en. Dazu gehört rechtlich zwin­gend neben der Gefährdungs­beurteilung auch eine gewis­senhafte Ein­weisung. Unbe­d­ingt anzu­rat­en ist darüber hin­aus ein Verkehrssicher­heit­strain­ing. Die Nutzen­den müssen in der Lage sein, das jew­eilige Fahrzeug richtig zu laden und während der Fahrt richtig zu bedi­enen. Diese Kom­pe­ten­zen sind noch nicht vorhan­den, son­dern müssen erst aufge­baut wer­den.

Unternehmen müssen sich im Klaren darüber sein, ob die notwendi­ge Infra­struk­tur für den geplanten Ein­satz vorhan­den ist. Dazu gehört eine umfängliche Ken­nt­nis über Stan­dorte von Ladesta­tio­nen im Ein­satzge­bi­et.

Beschäftigte benöti­gen zusät­zliche Zeit, sich auf die Fahrt vorzu­bere­it­en, ihre Fahrroute pla­nen zu kön­nen. Dabei müssen sie sich bewusst darüber sein, dass eventuelle Störun­gen, zum Beispiel durch einen Stau, gravierende Fol­gen nach sich ziehen kön­nen, wenn in der Pla­nung keine Reser­ven vorge­se­hen sind.

Hin­sichtlich der Nutzung von Ped­elecs oder E‑Bikes gehört im Rah­men der Ein­weisung auch prak­tis­ches Train­ing vor der ersten Nutzung. Es sind neue Fahrzeuge mit verän­derten Fahr- und Beobach­tungsmustern, deren Hand­habung nicht dem reinen Selb­stver­such über­lassen bleiben sollte. Der sichere Umgang in unter­schiedlichen Sit­u­a­tio­nen muss im Schon­raum erlernt wer­den.

Gle­ich­es gilt für die Nutzung von E‑Tretrollern. Beschäftigte müssen sehr genau die fahrphysikalis­chen Gren­zen der Fahrzeuge ken­nen­ler­nen, um sichere Fahrstrate­gien entwick­eln zu kön­nen.

Ganz wichtig ist: Bei der Nutzung von Zweirädern – egal ob Fahrräder, Ped­elecs, E‑Scooter und so weit­er – soll­ten Unternehmen das Tra­gen eines Helms vorschreiben. Das ist aus der Gefährdungs­beurteilung leicht ableit­bar. Denn das Risiko eines Sturzes mit schw­eren Kopfver­let­zun­gen ist erhe­blich. Helme ver­hin­dern keine Unfälle, aber sie kön­nen die Ver­let­zungss­chwere enorm reduzieren!

Was machen die im DVR organ­isierten Unfal­lver­sicherungsträger und der DVR, damit die Mit­glied­sun­ternehmen die Her­aus­forderun­gen (bess­er) meis­tern kön­nen?

Neben der Bere­it­stel­lung von Infor­ma­tion­s­ma­te­ri­alien über Regelun­gen und tech­nis­che Aspek­te der unter­schiedlichen Fahrzeuge set­zen Unfal­lver­sicherungsträger und DVR auf die Gefährdungs­beurteilung und die Unter­weisung sowie auf die Aufk­lärung und Aus- und Weit­er­bil­dung von Beschäftigten.

Unter www.deinewege.info kön­nen Unternehmen zum Beispiel auf eine Prax­ishil­fe zugreifen, die eine sys­tem­a­tis­che Präven­tion­s­pla­nung mit ein­fachen Check­lis­ten ermöglicht und die Auswahl geeigneter Präven­tion­s­maß­nah­men erle­ichtert.

Einige Unfal­lver­sicherungsträger haben eigene Info­mo­bile zur Zweirad­sicher­heit im Ein­satz, die von den Mit­glied­sun­ternehmen ange­fordert wer­den kön­nen, um Beschäftigte zu berat­en und zu informieren. Viele Unfal­lver­sicherungsträger fördern die Teil­nahme am Fahrrad- und Ped­elec­train­ing „Sicher­heit für den Rad- und Ped­elecverkehr“ des DVR, das vor Ort in inter­essierten Unternehmen durchge­führt wird.

Ein spezielles Train­ing im Realverkehr für das Fahren von Elek­troau­tos befind­et sich in der abschließen­den Test­phase und wird in Kürze zur Ver­fü­gung ste­hen.

Und die näch­ste DVR/UK/BG-Schw­er­punk­tak­tion, die im Juni 2020 startet, beschäftigt sich mit unter­schiedlichen For­men der Elek­tro­mo­bil­ität auf den täglichen Wegen zur Arbeit und wieder nach Hause.

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