Startseite » Sicherheit » Gefährdungsbeurteilung »

Holger Schumacher

Nach-gefragt
Holger Schumacher

Anzeige
Vom Stunt­man zum Risikober­ater: Bis zu seinem Arbeit­sun­fall war Hol­ger Schu­mach­er festes Team­mit­glied bei der Action-TV-Serie „Alarm für Cobra 11“. Heute betreut er Stunt­teams und Pro­duk­tions­fir­men bei der Umset­zung gefährlich­er Drehar­beit­en und fördert als Train­er, Coach und Fachkraft für Arbeitssicher­heit die Risikokom­pe­tenz von Führungskräften und Beschäftigten im Arbeit­sall­t­ag. In den Risk­Buster-Clips auf YouTube ist er zudem wieder als Stunt­man aktiv.

Herr Schu­mach­er, Sie lieben den Umgang mit Risiken, sind aber kein Draufgänger. Liegen Risikobere­itschaft und Sicher­heits­be­wusst­sein für einen Stunt­man gar nicht so weit auseinander?

Im End­ef­fekt gehen Risikobere­itschaft und Sicher­heits­be­wusst­sein in unserem Job Hand in Hand. Viele Leute hal­ten uns für Draufgänger, aber wir sind eigentlich Risiko­profis – ich habe bis heute noch keinen per­fek­ten Begriff dafür gefun­den. Das heißt, wir gehen zwar bewusst und wil­lentlich Risiken ein, und ja, wir haben auch Spaß dabei, es gibt diese Affinität dazu – aber ger­ade deswe­gen dür­fen wir keine Draufgänger sein, son­st kön­nten wir den Job nicht lange machen.

Der Job beste­ht zu 95 Prozent daraus, Risiken zu kon­trol­lieren. Wir spie­len alle Möglichkeit­en durch, über­legen genau, welche Gefahren beste­hen und wie wir diese reduzieren kön­nen – wie bei ein­er Gefährdungs­beurteilung im Arbeitss­chutz. Das geht aber nie zu 100 Prozent, son­st gäbe es keine Stunt­men. Dieses let­zte biss­chen Restrisiko bewälti­gen wir durch unsere speziellen Fähigkeit­en und ein hochspezial­isiertes Train­ing für genau diese Herausforderungen.

Sie hat­ten einen fes­ten Platz als Stunt­man in bekan­nten TV-Pro­duk­tio­nen. Ein Arbeit­sun­fall im Jahr 2008 änderte alles. Was genau ist geschehen?

Ich bin bei einem Stunt für die Serie „Alarm für Cobra 11“ unge­plant in eine Ben­zin­ex­plo­sion ger­at­en und stand kom­plett in Flam­men. Mein Kör­p­er hat in eine Art Schock­modus geschal­tet, ich war bei Bewusst­sein, habe noch mein Gesicht geschützt und bin ins Wass­er gesprun­gen, um mich selb­st zu löschen. Eine gute Reak­tion – das bringt der Job mit sich, auch mit Extrem­si­t­u­a­tio­nen umge­hen zu kön­nen. An den Hän­den hat­te ich Ver­bren­nun­gen drit­ten Grades und im Gesicht zweit­en Grades. Als die Ärzte sagten, das Gesicht wird wieder wie vorher, nur die Haut an den Hän­den muss trans­plantiert wer­den, war für mich alles gut. Für meine Mut­ter und meine Fre­undin weniger: Die haben mich bei ihrem ersten Besuch im Kranken­haus nur an der Augen­farbe erkannt.

Was hat Ihnen bei der Neuori­en­tierung geholfen?

Mein erster Gedanke nach dem Unfall war, ich werde jet­zt wieder fit und dann geht es weit­er mit meinem Traumjob, für den viele alles geben wür­den. Doch dann hat mich meine Fre­undin, inzwis­chen meine Ehe­frau und Mut­ter unseres Sohnes, wachgerüt­telt. Sie hat zu mir gesagt: „Wenn du das weit­er­ma­chst, dann ohne mich“. Das brachte mich stark ins Grü­beln. Ich war damals 30 und hat­te schon ein paar Jahre in der Branche auf dem Buck­el. Ewigkeit­en machen kann man den Job ohne­hin nicht. Am Ende habe ich mir gesagt, okay, ich nutze den Unfall als Chance, um mich nochmal neu zu erfind­en. Geholfen hat mir dabei auch die gute Ver­sorgung durch die Beruf­sgenossen­schaft. Das nahm mir auch den Druck, sofort wieder in den alten Job ein­steigen zu müssen. So habe ich eine eigene Fir­ma gegrün­det. Und der Kreis hat sich wieder geschlossen: Auf mein spezielles Fach­wis­sen und meine Erfahrun­gen als Stunt­man habe ich eine Aus­bil­dung zur Fachkraft für Arbeitssicher­heit draufge­sat­telt. Diese Kom­bi­na­tion macht mich zur Stunt­fachkraft — das ist in Deutsch­land etwas ganz Beson­deres. Ich erstelle Sicher­heit­skonzepte und Gefährdungs­beurteilun­gen für die Drehar­beit­en ver­schieden­er Sender, darunter auch für Cobra 11. Vor fünf Jahren kam dann der Risk­Buster hinzu. Hier bin ich wieder als Stunt­man im Ein­satz – natür­lich in viel kleinerem Rah­men als zuvor, meine Frau hat also nichts dagegen.

Als Risk­Buster machen Sie in Video-Clips auf ver­schiedene Risiken aufmerk­sam. Welche Gefahr haben Sie per­sön­lich am ehesten unterschätzt?

Bei einem Stunt ging es um Unfälle durch Geis­ter­radler. Zuerst haben wir Zusam­men­stöße zwis­chen Fahrrad­fahrer und Fußgänger insze­niert. Das gestal­tete sich unge­fähr wie erwartet. Dann kam Fahrrad gegen Fahrrad, das heißt, wir sind mit unseren Schul­tern bei 15 km/h gegeneinan­derge­fahren. Das war krass und hat mich von der Auswirkung her echt über­rascht, was man mir im Video auch deut­lich anmerkt.

Viel heftiger als erwartet fiel vor kurzem auch ein Dreh mit einem E‑Scooter aus, bei dem ich mit einem abbiegen­den Pkw zusam­men­stoße. Ich dachte, okay, der schub­st mich jet­zt weg. Die Trit­tfläche hat sich dann aber unter dem Auto verkeilt, sodass der Roller mas­siv run­terge­drückt wurde. Wir haben das trotz­dem kon­trol­liert hin­bekom­men, denn dafür bin ich ja Profi. Der Test hat aber gezeigt, wie gefährlich diese Sit­u­a­tion ist.

In Ihren „Busi­ness Stunt­man“ Sem­i­naren fördern Sie die Risikokom­pe­tenz und Hand­lungs­fähigkeit von Führungskräften und Mitar­beit­ern in Extrem- und Stress-Sit­u­a­tio­nen. Wom­it tun sich die Teil­nehmer erfahrungs­gemäß am schwersten?

In meinen Sem­i­naren geht es vor allem um das Quer­denken. Ich sage immer „Think Big“, das heißt, man sollte wirk­lich alle Gedanken zulassen, auch wenn diese zunächst abstrus erscheinen. Viele Ideen bekom­men ja keine Chance, weil man glaubt, das geht ja gar nicht. Die Leute schränken sich aber meis­tens selb­st ein: Sie denken, ich bin jet­zt auf der Arbeit,

da habe ich meinen Arbeit­skopf an, ich bin pri­vat, da habe ich meinen Pri­vatkopf an und beim Sport, da ist es halt genau­so. Aber Wis­sen aus dem pri­vat­en oder sportlichen All­t­ag lässt sich auch sehr gut auf ein beru­flich­es Prob­lem über­tra­gen – genau das machen wir ja bei einem Stunt. Eigentlich lebt die Branche von solchen, zum Teil ganz banalen Ideen. Zum Beispiel woll­ten wir ein­mal einen Darsteller in ein Auto set­zen, das sich über­schlägt. Das ging natür­lich nicht ein­fach so, wir mussten etwas Kon­trol­liertes dafür entwick­eln. Schließlich haben wir eine Art Drehspieß gebaut, auf den man das Auto drauf­steck­en und somit drehen kon­nte. Eine Lösung, die wir vom Grillen her kennen.

In eini­gen Sem­i­naren müssen die Teil­nehmer die Per­spek­tive wech­seln und in die Rolle eines Stunt­teams schlüpfen. Dafür gibt es viele coole Möglichkeit­en. Hier merke ich oft, dass viele Leute ein Prob­lem mit Höhe haben. Ich bin eigentlich auch jemand, der nicht so gut mit Höhe kann. Trotz­dem habe ich Sprünge aus 16, 18 Metern gemacht, weil ich mir das antrainiert habe. Bis jet­zt haben wir das auch mit den Hard­core-Fällen sehr gut hin­bekom­men. Die sind nicht unbe­d­ingt aus sechs Metern Höhe gesprun­gen – darum geht es auch gar nicht. Es geht darum, zu erleben, dass die Gren­zen, die uns schein­bar umgeben, über­wind­bar sind. Das ist dann der Moment, in dem der Knoten platzt. Die zurück­hal­tenden Typen kriegt man auch dazu, die gehen das kon­trol­liert an. Viel schwieriger sind für uns Leute, die glauben, sie kön­nen alles. Diese echt­en Draufgänger­typen, die machen das gefährlich.


Steckbrief

  • geboren 1979 in Köln
  • Risiko Coach, Train­er und Fachkraft für Arbeitssicherheit
  • seit 2004 Stunt­man in bekan­nten Action-Serien
  • entwick­elte ab 2013 das Schu­lungskonzept „Busi­ness Stuntman“
  • begleit­ete eine Studie zum „The­ma Stunt­man und Risiko“ mit einem Forschungsinstitut
  • demon­stri­ert in den Risk­Buster-Videos ver­schiedene Gefährdungen
Anzeige
Newsletter

Jet­zt unseren Newslet­ter abonnieren

Meistgelesen

Jobs
Sicherheitsbeauftragter
Titelbild Sicherheitsbeauftragter 12
Ausgabe
12.2020
ABO
Sicherheitsingenieur
Titelbild Sicherheitsingenieur 1
Ausgabe
1.2021
ABO
Anzeige
Anzeige

Industrie.de Infoservice
Vielen Dank für Ihre Bestellung!
Sie erhalten in Kürze eine Bestätigung per E-Mail.
Von Ihnen ausgesucht:
Weitere Informationen gewünscht?
Einfach neue Dokumente auswählen
und zuletzt Adresse eingeben.
Wie funktioniert der Industrie.de Infoservice?
Zur Hilfeseite »
Ihre Adresse:














Die Konradin Verlag Robert Kohlhammer GmbH erhebt, verarbeitet und nutzt die Daten, die der Nutzer bei der Registrierung zum Industrie.de Infoservice freiwillig zur Verfügung stellt, zum Zwecke der Erfüllung dieses Nutzungsverhältnisses. Der Nutzer erhält damit Zugang zu den Dokumenten des Industrie.de Infoservice.
AGB
datenschutz-online@konradin.de