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Arbeitsplatzbelastungen in „innovativen“ Bürokonzepten

Mensch und Arbeitsplatz
Arbeitsplatzbelastungen in „innovativen“ Bürokonzepten

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Die Zeit­en ändern sich, die Büros auch. Der Büroar­beit­splatz von heute hat vielfach wenig mit einem Büroar­beit­splatz von vor 20 Jahren zu tun. Den­noch: Der Men­sch und seine Bedürfnisse bleiben gle­ich. Welche Prob­leme und Pla­nungs­fehler in soge­nan­nten inno­v­a­tiv­en Bürokonzepten auftreten, und was es zu berück­sichti­gen gilt, davon han­delt der fol­gende Beitrag.

Dipl.-Ing. Horst Werner

Die Renais­sance des Großraum­büros scheint unaufhalt­bar. Seit mehreren Jahren find­et vor allem in Konz­er­nen ein Revival der ein­st­mals geschmäht­en Büro­form statt. Die meis­ten von ihnen haben allerd­ings mit dem tra­di­tionellen Großraum­büro nur wenig gemein­sam. An Stelle eines großen Raumes mit vie­len Büroar­beit­splätzen find­en sich statt dessen „inno­v­a­tive“ Büroland­schaften, die bis­lang getren­nte Arbeits- und Unternehmens­bere­iche zu einem eben­so attrak­tiv­en wie effizien­ten Arbeit­sum­feld zu verbinden suchen. Waren Großraum­büros klas­sis­ch­er Prä­gung noch eine Vari­ante zur Einsparung, so sind heutige Bürokonzepte oft­mals das Aushängeschild eines Unternehmens, um Zukun­fts­fähigkeit und Inno­va­tion­skraft zu demon­stri­eren. Entsprechend hoch ist daher der Pla­nungs- und Gestal­tungsaufwand, der in viele dieser Pro­jek­te gesteckt wird. Jedoch …
Je üppiger die Pläne blühen, umso verzwick­ter wird die Tat. (Erich Kästner)
Doch nicht immer hal­ten die hohen Erwartun­gen an ein inno­v­a­tives Bürokonzept den Erfordernissen des All­t­ags stand. In den meis­ten dieser Fälle wird die Konzept­gestal­tung zu wenig auf die Anfor- derung der Arbeit­sprozesse und die Arbeitsin­halte abges­timmt. Auch wird ergonomis­chen Min­dest­stan­dards zu wenig Beach­tung geschenkt. Die als Bere­icherung der Arbeitssi­t­u­a­tion gewollte Büroland­schaft mutiert dann rasch zur Ursache vielfach­er Belastungen.
Diese Sit­u­a­tion stellt das jew­eilige Unternehmen vor nicht geringe Herausforderungen:
  • Ent­täuschung bei vie­len Beteiligten, denn schließlich sollte eine Verbesserung entstehen,
  • erneute, weil nachgebesserte Verän­derun­gen der Arbeitsstruk­tur und der Arbeitsabläufe nach kurz­er Zeit,
  • Zeit- und Produktivitätsverlust,
  • zusät­zlich­er Pla­nungs- und Kostenaufwand,
  • diverse Meet­ings,
  • Ver­trauensver­lust in das Konzept, die Plan­er und das Management,
  • usw..
Für das weit­ere Vorge­hen gilt es, tun­lichst die Fehler zu ver­mei­den, die sich im Rah­men der Ursprungs­pla­nung eingeschlichen haben. Eine sorgfältige Analyse der Nutzerbedürfnisse anhand von Arbeitsin­hal­ten und Arbeitsabläufen im Ver­gle­ich zur beste­hen­den Arbeitssi­t­u­a­tion bietet dafür das beste Fun­da­ment und hil­ft, sowohl beste­hende ungün­stige Arbeit­splatz­be­las­tun­gen zu erken­nen als auch neue zu vermeiden.
„Alles auf Anfang“ – meist wed­er sin­nvoll noch möglich
In dieser Sit­u­a­tion wird nicht sel­ten der Wun­sch laut, den Ursprungszu­s­tand wieder herzustellen – dies vor allem dann, wenn die Neukonzep­tion bei den Nutzern ohne­hin nicht auf ungeteilte Begeis­terung gestoßen ist.
Angesichts der weitre­ichen­den organ­isatorischen sowie baulichen Verän­derun­gen, die mit einem großflächi­gen Bürokonzept ver­bun­den sind, ist die Rück­kehr „auf Anfang“ zumeist aber keine Option. Es bleibt nur die Möglichkeit, durch entsprechende Verän­derun­gen der aktuellen Konzept-struk­tur eine Besei­t­i­gung oder zumin­d­est tol­er­a­ble Min­imierung der Belas­tungssi­t­u­a­tio­nen zu erreichen.
Für den Erfolg dieser nachbessern­den Maß­nah­men ist von entschei­den­der Bedeu­tung, mit welchen Voraus­set­zun­gen das neu instal­lierte Bürokonzept an den Start ging. Zukun­fts­fähige Konzepte berück­sichti­gen in der Regel ein gewiss­es Expan­sions- und damit Verän­derungser­forder­nis sowohl im Hin­blick auf die ver­füg­bare Nutzungs­fläche als auch für alle kor­re­spondieren­den räum­lichen Vor­rich­tun­gen. Hier find­et sich auch der notwendi­ge Spiel­raum für verän­dernde Maß­nah­men im Bere­ich der Arbeit­splatzgestal­tung, und/oder der Arbeitsorganisation.
Ste­ht dage­gen der „Mar­keting­ef­fekt“ ein­er Büroland­schaft im Fokus und weniger die Chan­cen ein­er kom­mu­nika­tions­fre­undlicheren Arbeits­gestal­tung, dann zemen­tiert so manch­es Konzept den gestal­ter­ischen Sta­tus quo. In diesen Fällen lässt sich selb­st bei größter Pla­nungsmühe wed­er eine Verän­derung noch eine Ergänzung der Arbeit­splatz- oder der Raumgestal­tung erre­ichen, ohne die grundle­gende Struk­tur aufwändig verän­dern zu müssen. Belas­tungsmin­imieren­den Maß­nah­men sind hier rasch Gren­zen gesetzt.
Zeigen sich in ein­er Büroland­schaft Belas­tungsstruk­turen für die Mitar­beit­er, bedeutet dies für die Vertreter des Arbeitss­chutzes immer auch eine erhöhte Acht­samkeit für die Maß­nah­men­pla­nung und – mehr noch – für die Möglichkeit, diese Pla­nung umzusetzen.
Praxis­er­probte Maß­nah­men und ihre Besonderheiten
Die ein­er Büroland­schaft eigene Struk­tur der Arbeits­gestal­tung bringt auch eine sys­tem­spez­i­fis­che Verän­derun­gen für die Struk­tur und Inten­sität von Arbeit­splatz­be­las­tun­gen im Ver­gle­ich zu tra­di­tionellen Büroar­beit­splätzen. Vor allem kämpft jede Umor­gan­i­sa­tion von klein­teili­gen Büroräu­men in eine Büroland­schaft mit ein­er zen­tralen Grund­prob­lematik: Viele Men­schen, die in einem Raum ihre Arbeit­sauf­gabe erfüllen sollen.
Diese Kom­bi­na­tion bietet die besten Voraus­set­zun­gen für alle Spielarten men­schlich­er sowie zwis­chen­men­schlich­er Belas­tungser­schei­n­un­gen und ist damit eine beson­dere Her­aus­forderung für die Arbeitssicherheit.
1) Lärm
Die räum­liche Häu­fung von Per­so­n­en und Arbeitsabläufen und Bewe­gun­gen lassen Störungs­be­las­tun­gen entste­hen, die in dieser Inten­sität für Büroar­beit­splätze zumin­d­est ungewöhn­lich sind. Mit Abstand den höch­sten Belas­tungspegel erzielt dabei regelmäßig Lärm.
Als klas­sis­che Gegen­maß­nahme wäre hier eine Lärm-/Schallre­duzierung am Arbeit­splatz bzw. im Raum nötig. Diese klas­sis­che Erwiderung aus dem Fun­dus der Arbeitss­chutz­maß­nah­men lässt sich mit den Gestal­tungszie­len viel­er Büroland­schaften (zum Beispiel nach unver­stell­ter Raumweite) mitunter gar nicht oder nur mod­i­fiziert vere­in­baren – und ist zudem davon abhängig, dass das Gestal­tungskonzept den nachträgliche Ein­satz dieser Lärm­schutz­maß­nah­men baulich über­haupt zulässt. Zudem scheuen Unternehmen nicht sel­ten diese Konzeptverän­derun­gen, sei es im Hin­blick auf die neuer­lichen Kosten, sei es aus Angst vor den Fol­gen für das Gesamt­ge­füge der neuen Arbeits­gestal­tung. Es beste­ht daher die Ten­denz, auftre­tende (neue und zusät­zliche) Belas­tun­gen erst ein­mal zu ignori­eren und auf den Gewöh­nungsef­fekt zu hof­fen (,was meist verge­blich ist).
Hinzu kommt, dass Umge­bungs­geräusche indi­vidu­ell sehr unter­schiedlich bew­ertet wer­den. So ist die mor­gendliche Begrüßung des Kol­le­gen am Nach­barschreibtisch oder die Verabre­dung zum Mit­tagessen für den einen eine angenehme kol­le­giale Begleit­er­schei­n­ung, für viele jedoch ist sie bere­its ein stören­des Geräusch und damit ein ver­i­ta­bler Stressfaktor.
Gegen diese sys­tem­spez­i­fis­che Lärm­be­las­tung helfen die Ruhear­beit­szo­nen viel­er Bürokonzepte allen­falls bed­ingt – es sei denn, man würde alle geräuschempfind- lichen Kol­le­gen dort dauer­haft platzieren, was sich in der Prax­is organ­isatorisch kaum ver­wirk­lichen lässt.
Einen Ausweg aus diesem Dilem­ma hat die Prax­is in Kom­fort­ge­hörschutz gefun­den. Kom­fort­ge­hörschutz find­et seit eini­gen Jahren über die bis­lang klas­sis­chen Ein­satzge­bi­ete hin­aus Ver­wen­dung (z.B. in Kindergärten) und lässt sich opti­mal auf die Nutzerbedürfnisse anpassen. Er bietet in hohem Maße eine indi­vid­u­al­isier­bare Schalldäm­mung und lässt im Bedarfs­fall trotz­dem die Möglichkeit zur Kom­mu­nika­tion oder zur Wahrnehmung fre­quenz-spez­i­fis­ch­er Umge­bungs­geräusche zu.
Allerd­ings gehört Kom­fort­ge­hörschutz nicht zu den per­sön­lichen Schutzaus­rüs­tun­gen gemäß PSA-Richtlin­ie 89/686/ EWG und unter­liegt auch nicht den Vor­gaben zur Min­destschalldäm­mung gemäß DIN EN 352. Ob und inwieweit ein Kom­fort­ge­hörschutz als geeignete Maß­nahme zur Min­imierung von Lärm­be­las­tun­gen im Einzelfall tauglich ist, set­zt eine konkrete Prü­fung der Erfordernisse und der Pro­duk­teig­nung durch die Fachkraft für Arbeitssicher­heit, gegebe­nen­falls auch durch den Betrieb­sarzt voraus (§ 3a ArbStättV).
Keines­falls darf diese Maß­nahme der Eigenini­tia­tive der Mitar­beit­er über­lassen wer­den – was ger­ade dann häu­fig zu beobacht­en ist, wenn seit­ens der Unternehmensver­ant­wortlichen keine Bere­itschaft beste­ht, die Belas­tungssi­t­u­a­tion anzuerken­nen und ihr aktiv ent­ge­gen­zuwirken. In diesen Fällen begeg­net man Mitar­beit­ern mit Gehörschutz aus Bau­markt oder Apotheke mit häu­fig max­i­maler Schalldäm­mung, der die Arbeitsabläufe durch die fehlende Umge­bungswahrnehmung und Kom­mu­nika­tion mas­siv behin­dert. Diese untaugliche Form der Lärm­re­duzierung führt unweiger­lich zu weit­eren Belas­tungssi­t­u­a­tio­nen und erhöht unnötig die neg­a­tive Bew­er­tung der Arbeitssi­t­u­a­tion in ein­er Büroland­schaft und die Ablehnung dieses Arbeitsumfeldes.
2) Arbeit­sumge­bung – Arbeitsplatzgestaltung
Störungs­be­las­tun­gen kön­nen sich jedoch auch aus der Anord­nung der Arbeit­splätze ergeben. Unweiger­lich find­en sich in ein­er Büroland­schaft mehr Arbeit­splätze an Wege­flächen. Viele Mitar­beit­er empfind­en Umge­bungs­be­we­gun­gen als störend, was sich, je nach Höhe der Bewe­gungs­fre­quenz, zu ein­er per­ma­nen­ten Belas­tungssi­t­u­a­tion steigern kann. Bieten diese Arbeit­splätze keinen aus­re­ichen­den Sicht- und Kon­tak­tschutz, wer­den sie von den Mitar­beit­ern tun­lichst gemieden und sind rasch als „Loser­plätze“ stigmatisiert.
Da zahlre­iche Büroland­schaften mit einem Desk-Shar­ingsys­tem kom­biniert wer­den, das mitunter jegliche Arbeit­splatz­zuweisung aufhebt, neigen die Mitar­beit­er dazu, statt die ungeliebten Gang­plätzen zu nutzen, lieber andere Bürobere­iche als ihren Arbeit­splatz zu zweck­ent­frem­den (z.B. Son­der­ar­beit­splätze oder Pausenzonen).
Dies führt auf Dauer zu organ­isatorischen Prob­le­men – abge­se­hen von den gesund­heitlichen Belas­tun­gen, die entste­hen, wenn die Arbeit über län­gere Zeit am Ste­htisch der Cafe­te­ria erledigt wird, statt an einem, wenn auch missliebi­gen Schreibtisch. Nutzungser­lassen der Unternehmensleitung sind dage­gen erfahrungs­gemäß nur kurzfristige Erfolge beschieden, wenn nicht die Attrak­tiv­ität der gemiede­nen Arbeits­bere­iche entschei­dend aufgebessert wird.
Lässt die Raumkonzep­tion eine verbesserte Anord­nung der ungeliebten Arbeit­splätze nicht zu und sind auch nachträgliche Maß­nah­men zur Abschir­mung dieser Plätze nicht oder nicht aus­re­ichend möglich, ist der Rück­zug ins Home­of­fice eine gern prak­tizierte Lösung. Sie wird vom Unternehmen, wie von den Mitar­beit­ern gle­icher­maßen geschätzt, bietet sie doch bei­der­seits einen (ver­meintlich) raschen Ausweg.
Dabei vergessen bei­de Seit­en über die Freude, diesen Ausweg gefun­den zu haben, dass auch der Arbeit­splatz zuhause ein Arbeit­splatz im Sinne der Arbeitsstät­ten­verord­nung ist. Er muss entsprechend aus­ges­tat­tet sein und der Mitar­beit­er muss zudem eine Organ­i­sa­tion ver­füg­bar haben, die seine Arbeit­sleis­tung adäquat in das übrige Unternehmensgeschehen ein­bindet. Ist bei­des nicht vorhan­den, kommt es mehr oder weniger schnell von Seit­en des Unternehmens zu Kla­gen über die Arbeit­sleis­tung und/oder von Seit­en des Mitar­beit­ers über die isolierende und unbe­friedi­gende Arbeitssituation.
Dabei passt die Idee des Home­of­fice mit sein­er flex­i­blen und indi­vid­u­al­isier­baren Arbeits­gestal­tung per­fekt zu vie­len Grund­konzepten mod­ern­er Büro­gestal­tung , einige Konzepte sehen sie sog­ar aus­drück­lich vor. Das Home­of­fice bietet sich daher als eine mögliche Ent­las­tungs­maß­nahme an, um einige konzep­tionelle Schwach­stellen auszu­gle­ichen, wenn diese in ein­er Büroland­schaft nicht möglich ist. Voraus­set­zung ist aber stets, dass diese Arbeits­form bewusst und sorgfältig geplant zum Ein­satz kommt.
Als Min­destvo­raus­set­zung für ein Home­of­fice sollte deshalb in ein­er Betrieb­svere­in­barung geregelt werden,
  • welche Arbeit­en in ein Home­of­fice ver­lagert wer­den können;
  • welche häus­lichen Voraus­set­zun­gen dafür vorhan­den sein/geschaffen wer­den müssen (z.B. Möblierung und Technik);
  • wie und in welch­er Form der Mitar­beit­er bei der häus­lichen Arbeits­gestal­tung von der Abteilung Arbeitssicher­heit begleit­et und unter­stützt wird;
  • wie die Ein­bindung des Mitar­beit­ers in das betriebliche Infor­ma­tion­ssys­tem erfolgt;
  • wie die Ein­bindung des Mitar­beit­ers in das soziale Sys­tem des Unternehmens erfolgt.
Bietet ein gut geplantes Home­of­fice eine Alter­na­tive und Ergänzung zu den Arbeit­splätzen im Unternehmen, wird die Belas­tung­sex­po­si­tion an weniger gün­sti­gen Arbeit­splätzen auch dort zumut­bar und für kürzere Zeitspan­nen weit bess­er akzeptiert.
3) Pres­tiges­ta­tus des Arbeitsplatzes
Auch hat die Prax­is der ver­gan­genen Jahre gezeigt, dass selb­st das ambi­tion­ierteste Konzept ver­sagt, wenn der Mitar­beit­er die Arbeitssi­t­u­a­tion in einem Großraum­büro per se als „Degradierung“ empfind­et, unab­hängig davon, wie gut geplant und inno­v­a­tiv die neue Büroland­schaft auch sein mag.
Ger­ade Mitar­beit­er des mit­tleren Man­age­ments oder Mitar­beit­er aus Stab­sabteilun­gen verbinden mit der Gestal­tung ihres Arbeit­splatzes und ihrer unmit­tel­baren Arbeit­sumge­bung das Pres­tige, das sie ihrer Auf­gabe und damit auch sich selb­st im Unternehmen zumessen. Der Arbeit­splatz im Einzel­büro oder in der bevorzugten Innen­stadt­lage genießt bis heute in zahlre­ichen Unternehmen und Branchen einen Wer­tigkeitssta­tus, der nicht sel­ten auch Teil der Unternehmen­sphiloso­phie ist.
In einem Großraum­büro – mag es ins­ge­samt noch so pres­tigeträchtig aus­ges­tat­tet sein – bleibt von diesem gewohn­ten Sta­tussym­bol nichts mehr übrig. Die Abgren­zung über Büro­größe und Ausstat­tung ist dort aufgehoben.
Die beson­dere Sys­tem­atik ein­er Büroland­schaft mit ihren Kom­mu­nika­tion­s­möglichkeit­en und Gestal­tungsalter­na­tiv­en bietet nicht für alle Mitar­beit­er einen Ersatz für den Ver­lust eines Sta­tussym­bols, das jahre- und oft auch jahrzehn­te­lang Anerken­nung genoss.
Die Fol­gen sind häu­fig weitre­ichend für das Unternehmen und zeigen sich den Vertretern des Arbeitss­chutzes mit zahlre­ichen Beschw­er­den zu den nun nicht mehr indi­vidu­ell organ­isier­baren Arbeits­be­din­gun­gen wie z.B. Lärm, Raumtem­per­atur, Licht­stärke oder der Arbeitsplatzausstattung.
4) Der Arbeit­splatz ist immer auch Lebensraum
Neben der Aufhe­bung klein­teiliger Büro-anord­nung sehen mod­erne Bürokonzepte häu­fig auch ein durchgängiges Erschei­n­ungs­bild jedes Schreibtischs als Zeichen der Cor­po­rate Inden­ti­ty vor. Dabei wird überse­hen, dass ein Arbeit­splatz immer auch einen sozialen Lebens­bere­ich des Men­schen darstellt, der dort tagtäglich viele Stun­den ver­bringt. Es gehört zu den natür­lichen Hand­lun­gen jedes Men­schen, diesen Bere­ich mit Bildern (Fam­i­lie, Urlaub usw.) oder anderen per­sön­lichen Gegen­stän­den zu indi­vid­u­al­isieren. Ist dies nicht mehr möglich, so fühlen sich viele Mitar­beit­er ihrem Arbeit­splatz „ent­fremdet“, er hört auf IHR Arbeit­splatz zu sein – was im Falle von Desk-Shar­ingsys­te­men tat­säch­lich auch gewollt ist.
Da diese Sys­teme üblicher­weise vorse­hen, dass jed­er Arbeit­splatz am Ende der Nutzung leerg­eräumt wer­den muss, lässt sich hier der Indi­vid­u­al­isierungswun­sch für den eige­nen Arbeit­splatz gut beobacht­en. Selb­st wenn der konkrete Arbeit­splatz nur für einen Tag genutzt wird, ver­brin­gen zahlre­iche Mitar­beit­er den Beginn und das Ende ihrer Dien­stzeit damit, den Schreibtisch mit ihren per­sön­lichen Din­gen auszus­tat­ten bzw. diese abzuräumen.
Ein erhe­blich­er Teil der Men­schen empfind­et einen neu­tralen Arbeit­splatz als ster­il und fühlt sich dort unwohl, was sowohl zu psy­chis­chen als auch physis­chen Belas­tungssymp­tomen führen kann mit Beschw­er­den zu allen möglichen Din­gen des Arbeit­sum­feldes, ohne dass sich diese bele­gen lassen.
Man sollte sich als Vertreter des Arbeitss­chutzes oder als Vorge­set­zter jedoch davor hüten, die bei­den vor­ge­nan­nten Beschw­erde­si­t­u­a­tio­nen als „sub­stan­z­los“ zu belächeln. Von den betrof­fe­nen Mitar­beit­ern wird die Sit­u­a­tion als Belas­tung und indi­vidu­ell mitunter sog­ar als erhe­blich­er Stress­fak­tor emp­fun­den und ver­di­ent ernst genom­men zu werden.
Richtiger­weise ist es die Auf­gabe des Unternehmens, alle Mitar­beit­er in eine verän­derte Arbeitssi­t­u­a­tion und in eine verän­derte Unternehmen­sphiloso­phie mitzunehmen. Die Vertreter der Arbeitssicher­heit kön­nen über ihre Bew­er­tungsergeb­nisse diese Symp­tome erken­nen, die von Akzep­tanzprob­le­men der Arbeitssi­t­u­a­tion aus­gelöst wer­den und die Unternehmensleitung auf den beste­hen­den Hand­lungs­be­darf aufmerk­sam machen. Auf diese Weise kann der Arbeitss­chutz auch mit­tel­bar zu ein­er Verbesserung der Arbeit­szufrieden­heit und damit zum Abbau von psy­chis­chen Belas­tungssi­t­u­a­tio­nen beitra­gen (eine Gefährdungs­beurteilung psy­chis­che Belas­tun­gen kann hier sehr hil­fre­ich sein).
5) Hygiene – ein unter­schätztes Problem
Als Akzep­tanzhemm­nis kann sich auch ungenü­gende Hygiene erweisen, und spätestens mit der ersten Grippewelle in einem Großraum­büro wird das The­ma „Hygiene“ unauswe­ich­lich – ein Umstand, der umso wichtiger wird, je mehr Ein­rich­tun­gen gemein­sam genutzt wer­den. Denn empfind­en Mitar­beit­er Arbeitsmit­tel als unhy­gien­isch, wer­den sie deren Nutzung zu mei­den suchen.
Wech­selt, wie im Fall von Büroland­schaften oder Desk-Shar­ingsys­te­men, der Nutzer häu­fig, so muss jed­er Nutzer­wech­sel auch von ein­er Reini­gung der geteil­ten Arbeitsmit­tel begleit­et wer­den. Dies bedeutet, dass auch die Mitar­beit­er selb­st in gewis­sem Umfang für die Sauberkeit beim Ver­lassen des Arbeit­splatzes ver­ant­wortlich sind. Welche Form und welche Mit­tel dafür geeignet sind (z.B. Reini­gungstüch­er), wird im Einzelfall oft­mals erst die Prax­is ergeben.
Es ist deshalb anzu­rat­en, die Hygien­e­maß­nah­men in ein­er Büroland­schaft zumin­d­est in der Anfangszeit eng­maschig zu überwachen und das Ver­fahren gegebe­nen­falls kurzfristig dem Bedarf und dem Nutzerver­hal­ten anzupassen.
Eine gewisse Her­aus­forderung für die Ein­führung und die Durch­führung der Reini­gungs­maß­nah­men ist die höchst unter­schiedliche per­sön­liche Def­i­n­i­tion der Mitar­beit­er vom Begriff „Hygiene“. So sind Haare oder Schup­pen auf Stuhl-bezü­gen oder Kaf­feefleck­en auf Tis­ch­plat­ten nicht für jeden Nutzer gle­icher­maßen ein Prob­lem. Die Besei­t­i­gung dieser all-täglichen Gebrauchsspuren muss aber selb­stver­ständlich­er Teil des täglichen Reini­gungszyk­lus des Reini­gungs­di­en­stes sein.
Darüber hin­aus kann für einen nutzerg­erecht­en Hygien­e­s­tandard nur auf die Aufk­lärung der Nutzer, flankiert von entsprechen­den Betrieb­san­weisun­gen und der Unter­stützung durch die lei­t­en­den Mitar­beit­er, geset­zt werden.
Bewährte Überzeu­gungsar­beit leis­tet dabei ein betrieb­särztlich begleit­etes Infor­ma­tionsver­fahren, mit dem ärztlich­er­seits sowohl der aus­re­ichende, aber auch der unumgängliche Hygien­e­s­tandard anschaulich demon­stri­ert und die erforder-lichen Maß­nah­men erläutert wer­den. So lassen sich Ver­schmutzun­gen durch phos­pho­risierende Mit­tel höchst ein­drucksvoll auch an Gegen­stän­den demon­stri­eren, die kaum im täglichen (Reinigungs-)Fokus ste­hen (z.B. Lichtschal­ter, Kopier­erab­deck­un­gen, Griffe in der Teeküche etc.). Diese Ver­an­schaulichung hat sich für die Nutzer ein­er Büroland­schaft wie auch für das dort tätige Reini­gungsper­son­al gle­icher­maßen gut bewährt.
Faz­it
Die Begeis­terung für ein neues Bürokonzept ist keines­falls sys­temim­ma­nent und lässt sich auch nicht durch die Geschäft­sleitung verord­nen. Wie das Konzept selb­st, müssen die Mitar­beit­er für ihre Bere­itschaft, sich auf die neue Arbeitssi­t­u­a­tion vorurteils­frei einzu­lassen, sorgfältig vor­bere­it­et werden.
Neue Büroland­schaften bedeuten für die Nutzer oft­mals eine weitre­ichende Umstel­lung der bish­eri­gen Arbeits­ge­wohn­heit­en und der Arbeitsabläufe. Team­struk­turen verän­dern oder ver­lieren sich im Desk-Shar­ingsys­tem und nicht jed­er kann sich deshalb sofort für die unmit­tel­bare Nach­barschaft zahlre­ich­er, mitunter auch unbekan­nter Kol­le­gen erwär­men. Nur Schritt für Schritt kön­nen der­art weitre­ichende Verän­derun­gen der Arbeitsstruk­tur erfol­gre­ich an den Mann/die Frau gebracht wer­den. Die Annäherung an die Arbeits­form „Büroland­schaft“ erfordert von ihren Müt­tern und Vätern die Bere­itschaft, zugle­ich mit der Pla­nung die Akzep­tanz der Nutzer wach­sen zu lassen.
Hierzu gehört auch, die Beson­der­heit­en des Arbeit­ens in ein­er Büroland­schaft im All­t­ag zuzu­lassen. Keines­falls darf verän­dertes Arbeitsver­hal­ten durch Vorge­set­zte weit­er­hin nach den Kri­te­rien eines Stan­dard­büros bew­ertet wer­den (z.B. Kri­tik über das Akten­studi­um in der Lounge­zone statt am Schreibtisch).
Diese Bere­itschaft, auf die Beson­der­heit­en der neuen Arbeitssi­t­u­a­tion im All­t­ag einzuge­hen, ist gle­icher­maßen auch die Auf­gabe der Arbeitssicher­heit. Sie muss die funk­tionalen Beson­der­heit­en der Arbeitssi­t­u­a­tion, der Arbeit­sumge­bung, aber auch der Nutzer eines mod­er­nen Bürokonzepts gle­icher­maßen in die Beurteilung und Maß­nah­men­struk­tur ein­fließen lassen. Sin­nvoller­weise begin­nt dies bere­its bei der Planung.
Doch selb­st wenn nachträgliche Arbeitss­chutz­maß­nah­men nicht dem üblichen Stan­dard fol­gen kön­nen, weil die Gestal­tungsstruk­tur des Bürokonzepts dies nicht zulässt oder sie erschw­ert, darf dies niemals dazu führen, Büroland­schaften als „arbeitss­chutzfreie Zone“ zu verstehen.
Autor
Dipl.-Ing. Horst Werner
Sicher­heitsin­ge­nieur WEMA Man­age­ment E‑Mail: horst.werner@wema-muenchen.de
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