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Gender Main­strea­ming – ein Thema für den Arbeits­schutz?

Der kleine Unterschied
Gender Main­strea­ming – ein Thema für den Arbeits­schutz?

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Gender Main­strea­ming ist nicht unbe­dingt ein Begriff, der bei allen posi­tive Asso­zia­tio­nen weckt. Dennoch sollte man sich nicht den Blick dafür verstel­len lassen, dass auch in der Berufs­welt nicht „neutrale“ Menschen arbei­ten, sondern Männer und Frauen. Und dass es durch­aus sinn­voll sein kann, sich darüber Gedan­ken zu machen, ob alle Bedin­gun­gen im Arbeits­le­ben dieser Tatsa­che gerecht werden.

Sabine Kurz

Grund­sätz­lich bezeich­net „gender“ soziale Aspekte des Geschlechts und grenzt sich damit zum biolo­gisch gepräg­ten Begriff „sex“ ab. Die Über­le­gung, dass das Geschlecht des Menschen nicht ausschließ­lich biolo­gisch bedingt ist, sondern auch gesell­schaft­lich konstru­iert wird, ist durch­aus sinn­voll. Soziale Geschlech­ter­rol­len – etwa die Über­zeu­gung, dass Frauen an den Herd und nicht ins Berufs­le­ben gehö­ren – sind tatsäch­lich gelernt.
Und sie können, wie wir in puncto Frau­en­rol­len zum Glück erfah­ren, durch­aus verän­dert werden. Gender Main­strea­ming möchte also über­kom­mene Rollen­kli­schees benen­nen, diese verän­dern und ein neues Rollen­ver­ständ­nis möglich machen – für Männer und Frauen. Der engli­sche Begriff „Main­strea­ming“ soll verdeut­li­chen, dass Geschlech­ter­rol­len in fast allen Lebens­be­rei­chen eine Rolle spie­len, nicht nur im Priva­ten, sondern auch in der Arbeits­welt.

Gender Main­strea­ming im Arbeits­schutz?

Gender Main­strea­ming kann auch als Stra­te­gie verstan­den werden, die im Grund­ge­setz in Arti­kel 3, Absatz 2 fest­ge­schrie­bene Gleich­be­rech­ti­gung der Geschlech­ter voran­zu­trei­ben. Formu­liert werden dort ja nicht nur glei­che Rechte für beide Geschlech­ter. Absatz 2 fordert expli­zit, dass der Staat die tatsäch­li­che Durch­set­zung der Gleich­be­rech­ti­gung von Männern und Frauen fördern und auf die Besei­ti­gung bestehen­der Nach­teile hin-wirken soll. Vom Gender Main­strea­ming können also auch Männer profi­tie­ren, die etwa Erzie­hungs­ur­laub nehmen oder in Teil­zeit arbei­ten wollen.
Auch das Arbeits­schutz­ge­setz geht auf die Geschlech­ter­frage ein und formu­liert in § 4, Absatz 6 zwar, dass „spezi­elle Gefah­ren für beson­ders schutz­be­dürf­tige Beschäf­tig­ten­grup­pen … zu berück­sich­ti­gen“ sind, erlaubt aber in Absatz 8 „mittel­bar oder unmit­tel­bar geschlechts­spe­zi­fisch wirkende Rege­lun­gen“ nur dann, „wenn dies aus biolo­gi­schen Grün­den zwin­gend gebo­ten ist“. Schwan­gere oder stil­lende Mütter müssen geschont werden, und die ganze Gesell­schaft profi­tiert, wenn Frauen im gebär­fä­hi­gen Alter nicht unbe­dingt mit Gefahr­stof­fen arbei­ten müssen, die die Fort­pflan­zungs­fä­hig­keit oder das unge­bo­rene Kind beein­träch­ti­gen. Sexis­mus aber, so darf man hoffen, ist nicht erwünscht.
Wegden­ken lässt sich die Tatsa­che, dass es zwei Geschlech­ter gibt, ohne­hin auch im Arbeits­le­ben nicht. Neuere Studien haben erge­ben, dass das Geschlecht einer Führungs­kraft unter ande­rem die Erfolgs­aus­sich­ten betrieb­li­cher Maßnah­men prägt. Bei der Gesund­heits­för­de­rung etwa profi­tie­ren Frauen stär­ker davon, wenn sie eine Chefin haben. Männer dage­gen lassen sich eher zu gesund­heits­be­wuss­tem Verhal­ten inspi­rie­ren, wenn sie einen männ­li­chen Vorge­setz­ten haben. [1]

Warum Gender Main­strea­ming keine Einbahn­straße sein muss

Zumin­dest infor­mell bestehen alther­ge­brachte Formen der Arbeits­tei­lung zwischen Männern und Frauen auch im 21. Jahr­hun­dert weiter. So haben etwa doppelt so viele Männer wie Frauen eine Führungs­po­si­tion inne. In schlecht bezahl­ten Pfle­ge­be­ru­fen und in pädago­gi­schen Beru­fen domi­nie­ren Frauen – obwohl eine Aufwer­tung solcher Tätig­kei­ten im Inter­esse der gesam­ten Gesell­schaft wäre. Auch (Fehl-)Belastungen sind ungleich verteilt. So leiden Frauen schon inso­fern stär­ker als Männer unter Arbeits­ver­dich­tung, Zeit­druck und schlech­tem Betriebs­klima, weil sie in der Regel zusätz­lich zum Job den größ­ten Teil der Fami­li­en­ar­beit leis­ten. Diesen Aspekt bei der Opti­mie­rung von Arbeits­be­din­gun­gen und im Gesund­heits­schutz zu berück­sich­ti­gen, wäre durch­aus sinn­voll.
Aber auch Rollen­bil­der von Männern soll­ten über­dacht werden – gerade in puncto Gesund­heits­schutz. So hat der im April 2013 erschie­nene Männer­ge­sund­heits­be­richt erge­ben, dass Männer keines­wegs – wie bislang gedacht – weni­ger anfäl­lig für psychi­sche Erkran­kun­gen sind als Frauen. Die bishe­rige Fehl­be­wer­tung kam dadurch zustande, so der Bericht, dass „psychi­sche Erkran­kun­gen nicht in das männ­li­che Selbst­bild (passen) und … von den Betrof­fe­nen häufig vehe­ment negiert“ werden. Außer­dem, so mach­ten die Autoren deut­lich, äußert sich eine Depres­sion bei Männern „häufig in einem erhöh­ten Risiko- oder Sucht­ver­hal­ten, erhöh­ter Aggres­sion und Gewalt­be­reit­schaft. Diese „männ­li­chen Symptome“ verde­cken oft die klas­si­schen Depres­si­ons­merk­male (Nieder­ge­schla­gen­heit, Schlaf­stö­run­gen, Hand­lungs­un­fä­hig­keit) und erschwe­ren dem Haus­arzt die Diagnose.“ Gender Main­strea­ming könnte also auch bedeu­ten, dass betrieb­li­cher Gesund­heits­schutz endlich auch männer­spe­zi­fi­sche Probleme anpackt – etwa den Aspekt Präven­tion (Stich­wort „Vorsor­ge­muf­fel“), der sich im häufi­gen Verzicht auf medi­zi­ni­sche Vorsorge zeigt.
Natür­lich birgt geschlech­ter­re­flek­tier­tes und geschlech­ter­sen­si­bles Vorge­hen bei betrieb­li­chen Entschei­dun­gen immer die Gefahr, dass soziale Geschlech­ter­rol­len eher gestärkt als abge­baut werden – dieser grund­sätz­li­che Einwand gegen Gender Main­strea­ming lässt sich kaum wider­le­gen. Klar ist aber auch, dass geschlechtsspezi- fische Benach­tei­li­gun­gen gleich welcher Rich­tung sich nur in der Praxis, also im Büro, auf der Baustelle, in der Vorstands­etage und zu Hause auflö­sen lassen.
Lite­ra­tur
Quel­len
  • Gesetz über die Durch­füh­rung von Maßnah­men des Arbeits­schut­zes zur Verbes­se­rung der Sicher­heit und des Gesund­heits­schut­zes der Beschäf­tig­ten bei der Arbeit (Arbeits­schutz­ge­setz – ArbSchG) www.gesetze-im-internet.de/bundesrecht/arbschg/gesamt.pdf
  • Agen­tur für Gleich­stel­lung im EFS (Euro­päi­scher Sozi­al­fonds für Deutsch­land) www.esf-gleichstellung.de/ Die Agen­tur für Gleich­stel­lung im ESF wurde durch das Bundes­mi­nis­te­rium für Arbeit und Sozia­les einge­rich­tet, um die Imple­men­tie­rung von Gender Main­strea­ming im ESF-Bundesprogramm zu beglei­ten.
  • Infor­ma­tio­nen auf der Website der Bundes­zen­trale für poli­ti­sche Bildung www.bpb.de > Gesell­schaft > Gender > Gender Main­strea­ming > Gender Main­strea­ming: über­flüs­sig oder kontra­pro­duk­tiv? Eine Diskus­sion
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Autorin
Sabine Kurz
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