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Knack­punkt: Unter­grund

Absturzsicherung – DIBt-Bauregelliste
Knack­punkt: Unter­grund

Mit Eigengewicht beschwert – dieser Anschlagpunkt benötigt keine DIBt-Zulassung. Fotos:ABS Safety
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Seit 2012 ist das Thema „persön­li­che Absturz­si­che­run­gen“ für Sicher­heits­fach­kräfte, Gebäu­de­eig­ner und Bauher­ren komple­xer gewor­den. Der Grund: Das Deut­sche Insti­tut für Bautech­nik (DIBt) hat im Rahmen einer über­ar­bei­te­ten Baure­gel­liste die Forde­rung zusätz­li­cher Zulas­sun­gen für Anschlag­ein­rich­tun­gen aufge­nom­men, die „dauer­haft mit dem Bauwerk verbun­den sind“, wie es damals hieß. Heute spricht das DIBt konkre­ti­siert von Anschlag­ein­rich­tun­gen, die unab­hän­gig von der Befes­ti­gungs­art für den dauer­haf­ten Verbleib an der Gebäu­de­hülle konzi­piert sind. Bauin­ge­nieur Thors­ten Mahr bringt im Inter­view etwas Licht ins Dunkel.

Herr Mahr, warum sorgt die DIBt-Bauregelliste seit 2012 für Diskus­sio­nen?

Die Forde­run­gen des DIBt bedeu­ten zunächst einmal, dass Absturz­si­che­run­gen, auf die diese Baure­gel­liste anzu­wen­den ist, eine zusätz­li­che Kenn­zeich­nung benö­ti­gen. Für den Herstel­ler solcher Systeme steigt damit der Prüf- und Zerti­fi­zie­rungs­auf­wand erheb­lich. In der Vergan­gen­heit muss­ten Absturz­si­che­run­gen ja in erster Linie gemäß PSA-Richtlinie 89/686/EWG zerti­fi­ziert werden. Die DIBt-Zulassung erfor­dert nun eine weitere Zerti­fi­zie­rung.
Herstel­ler müssen ihre Anschlag­ein­rich­tun­gen also einfach einmal mehr zerti­fi­zie­ren lassen und das ist schon das ganze Problem?
Nein, denn so eben zerti­fi­ziert man Absturz­si­che­run­gen nicht. Jedes Produkt muss einzeln einge­reicht und nach einem indi­vi­du­ell erar­bei­te­ten Verfah­ren geprüft werden. Es gibt hier kein einheit­li­ches Prüf­ver­fah­ren. Das ist auch schwer möglich, da jeder Monta­ge­un­ter­grund anders beschaf­fen ist, jeder Herstel­ler andere Dübel zur Befes­ti­gung verwen­det und so weiter. Der komplexe Prozess, von der Anmel­dung eines Produkts bis zur bauamt­li­chen Zulas­sung, kann sich schlimms­ten­falls über ein paar Jahre hinzie­hen.
Dadurch ist die Verfüg­bar­keit zerti­fi­zier­ter Absturz­si­che­run­gen noch beschränkt, was Probleme in der Praxis verur­sacht. In ein paar Jahren werden am Markt aber sicher­lich flächen­de­ckend Produkte mit DIBt-Zulassung verfüg­bar sein. Wir haben bei ABS Safety beispiels­weise schon früh­zei­tig alle rele­van­ten Produkte zur bauamt­li­chen Begut­ach­tung einge­reicht und die Prüfun­gen wurden bereits erfolg­reich durch­ge­führt. Für Beton und Trapez­blech haben wir daher Anschlag­punkte mit DIBt- Zulas­sung schon im Programm, weitere Zulas­sun­gen stehen noch aus.
Folg­lich können seit Ände­rung der Baure­gel­liste im Jahr 2012 nur wenige bauauf­sicht­lich zuge­las­sene Absturz­si­che­run­gen verbaut worden sein?
Ja, es gibt da eine große Lücke zwischen Inkraft­tre­ten der Forde­rung und Zulas­sung der jewei­li­gen Produkte. Ab März 2012 wurde die DIBt-Zulassung verbind­lich, aller­dings nur für Absturz­si­che­run­gen, die ab diesem Datum verbaut wurden. Anschlag­ein­rich­tun­gen, die vor März 2012 instal­liert wurden, benö­ti­gen diese Zulas­sung nicht. Die Zulas­sung gilt aber erst für Produkte, die nach dem Ausga­be­da­tum der Zulas­sung verbaut wurden, und eben nicht rück­wir­kend. Ganz einfach gesagt: Wurde die Zulas­sung am Mitt­woch ausge­ge­ben, ein bauglei­ches Produkt aber bereits am Diens­tag davor einge­baut, ist es nicht offi­zi­ell zuge­las­sen. Laut DIBt kann man aber, sobald die bauamt­li­che Zulas­sung erteilt wurde, bei Vorlage dieser Zulas­sung unkom­pli­ziert eine soge­nannte Zustim­mung im Einzel­fall bean­tra­gen. Diese Zustim­mung kann man zwar ohne­hin immer beim zustän­di­gen Landes­bau­amt erbit­ten, aber durch die Vorlage einer gülti­gen DIBt-Zulassung für ein mit dem instal­lier­ten System iden­ti­sches Produkt wird das Proce­dere deut­lich einfa­cher.
Das klingt nach viel Aufwand und Papier­krieg – was hat die Praxis davon?
Für den Monteur hat sich der Aufwand tatsäch­lich etwas erhöht. Er muss nun, zusätz­lich zu der nach DIN EN 795:2012 ohne­hin vorge­schrie­be­nen Monta­ge­do­ku­men­ta­tion, auch noch eine soge­nannte Über­ein­stim­mungs­er­klä­rung ausfül­len. Hierin bestä­tigt der Monteur, dass er die Instal­la­tion gemäß der in der DIBt-Zulassung beschrie­be­nen Montage durch­ge­führt hat. Also beispiels­weise, dass er die Mindestein­bau­tiefe einge­hal­ten und die rich­ti­gen Veran­ke­rungs­ma­te­ria­lien verwen­det hat. Bei ABS Safety haben wir die Monta­ge­do­ku­men­ta­tion und die Über­ein­stim­mungs­er­klä­rung nach DIBt in einem Doku­ment zusam­men­ge­fasst, um den Aufwand für den Monteur etwas zu redu­zie­ren.
Gibt es Situa­tio­nen, in denen eine bauamt­li­che Zulas­sung unnö­tig ist?
Ja. Alle Systeme beispiels­weise, die laut DIN EN 795 nicht dem Typ A zuzu­ord­nen sind, benö­ti­gen weiter­hin nur die CE-Kennzeichnung. Das sind etwa Anschlag­punkte, die durch ihr Eigen­ge­wicht getra­gen werden. Wird eine Absturz­si­che­rung im indus­tri­el­len Einsatz nicht am Bauwerk, sondern direkt an einer Maschine montiert, inter­es­siert sich das DIBt dafür natür­lich auch nicht.
Worauf müssen spezi­ell Sicher­heits­fach­kräfte achten?
Sicher­heits­be­auf­tragte und ‑inge­nieure müssen sich zunächst mit der Frage beschäf­ti­gen, welche Systeme für welche Einsatz­be­rei­che eigent­lich erfor­der­lich sind. Erst dann stellt sich die Frage, ob eine bauamt­li­che Begut­ach­tung in Frage kommt und ob eine Absturz­si­che­rung mit einer allge­mei­nen bauamt­li­chen Zulas­sung über­haupt benö­tigt wird. Gege­be­nen­falls kann man für das zu verbau­ende Sicher­heits­sys­tem wie gesagt ja auch die Zustim­mung im Einzel­fall beim Landes­bau­amt anfor­dern, wenn die Absturz­si­che­rung laut Stati­ker und Produk­t­ei­gen­schaf­ten einen zuver­läs­si­gen Halt am Gebäude gewähr­leis­ten.
Wird die Praxis durch die zusätz­li­che bauamt­li­che Rege­lung siche­rer?
Das kann man so pauschal nicht beant­wor­ten. Herstel­ler wie ABS Safety testen Produkte ja schon immer auf praxis­na­hen Nach­bau­ten, also auf unter­schied­li­chen Dach­mem­bra­nen und schwie­ri­gen Unter­grün­den wie geris­se­nem Beton. Das ist aber sicher­lich nicht bei allen Herstel­lern auf der Welt der Fall, obwohl dieses Vorge­hen meiner Meinung nach uner­läss­lich ist. Das DIBt fragt hier in der Tat den fast wich­tigs­ten Faktor beim Thema Absturz-sicherung ab, nämlich ob die Befes­ti­gung zum Unter­grund auch hält. Wenn man ein Marken­pro­dukt kauft, also etwa einen in Deutsch­land produ­zier­ten Anschlag­punkt, dann ist der vermut­lich immer so stabil, dass er bei einem Sturz nicht durch­bricht oder ähnli­ches. Das weit­aus größere Risiko ist eine unsach­ge­mäße Instal­la­tion oder eine mangel­hafte Befes­ti­gung zum Unter­grund. Hier will das DIBt vorsor­gen.
War dieses Risiko durch die jewei­lige DIN, nach der Anschlag­ein­rich­tun­gen getes­tet und zerti­fi­ziert werden müssen, bisher nicht genü­gend berück­sich­tigt?
Nein, denn in den rele­van­ten Normen, etwa der DIN EN 795 „Persön­li­che Absturz­schutz­aus­rüs­tung – Anschlag­ein­rich­tun­gen“, wird in der Regel nicht nach der Befes­ti­gung zum Unter­grund gefragt. Das ist ja auch ein schwie­ri­ges Thema, weil ein Herstel­ler von Absturz­si­che­rungs­sys­te­men schwer­lich eine pauschale Gewähr­leis­tung für jeden in der Praxis denk­ba­ren Unter­grund geben kann.
Dennoch bleibt die Frage nach der Befes­ti­gung zentral. Deshalb testen wir bei ABS Safety ja auch jedes System auf den unter­schied­li­chen zuge­las­se­nen Unter­grün­den, also auch auf Poren­be­ton, Hohl­be­ton, dünnen Holz­ver­scha­lun­gen und so weiter. Es nützt ja nieman­dem etwas, wenn eine Person mitsamt seiner Absturz­si­che­rung vom Dach fällt und der Herstel­ler sich auf eine norm­ge­rechte Zerti­fi­zie­rung beru­fen kann. Die tatsäch­li­che Sicher­heit in der Praxis ist schon das wich­tigste. Das muss auch ein Sicher­heits­be­auf­trag­ter oder ‑inge­nieur bei seinen Einschät­zun­gen im Hinter­kopf behal­ten.
Wenn sich der Sicher­heits­in­ge­nieur für eine DIBt-zugelassene Absturz­si­che­rung entschei­det, woran erkennt er sie?
Das ist ganz einfach: Das jewei­lige Produkt besitzt anstatt des bekann­ten CE-Zeichens ein Ü‑Zeichen. Das „Ü“ steht dabei für Über­ein­stim­mungs­er­klä­rung und wird auch Über­ein­stim­mungs­zei­chen genannt. Es kenn­zeich­net Baupro­dukte, die den maßgeb­li­chen tech­ni­schen Regeln, der bauauf­sicht­li­chen Zulas­sung und dem bauauf­sicht­li­chen Prüf­zeug­nis entspre­chen. Das Über­ein­stim­mungs­zei­chen ist im Grunde ein Äqui­va­lent zur Konfor­mi­täts­er­klä­rung bei der DIN-Zertifizierung gemäß den gelten­den PSA-Richtlinien. Außer­dem muss die Bauauf­sicht­li­che Zulas­sungs­num­mer auf dem Produkt zu finden sein. Über­ein­stim­mungs­zei­chen und Zulas­sungs­num­mer garan­tie­ren dem Käufer und Anwen­der also, dass das vorlie­gende Produkt tatsäch­lich baugleich mit dem Produkt ist, das dem DIBt zur Zulas­sung vorge­legt wurde.
Die Bedin­gun­gen zur Ertei­lung des Ü‑Zeichens wurden in der Praxis kürz­lich übri­gens verschärft. So werden beispiels­weise ABS-Safety-Produkte mit Ü‑Kennzeichen einmal im Jahr von einem exter­nen Prüf­in­sti­tut kontrol­liert. In der Vergan­gen­heit genügte es teil­weise, wenn der Herstel­ler selbst jähr­li­che Kontrol­len durch­führte. Manche Herstel­ler haben eine DIBt-Zulassung sogar ohne eine Verpflich­tung zur jähr­li­chen Kontrolle erhal­ten; nach fünf Jahren muss diese Zulas­sung aller­dings erneu­ert werden, dann kommt kein Herstel­ler mehr um die jähr­li­che Prüfung herum. Unab­hän­gige Über­prü­fun­gen sind hier auch sinn­voll. Deshalb hat das DIBt bei seinen Forde­run­gen zu Recht nach­ge­bes­sert.
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