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Die individuelle Arbeitssicherheit ist ein einschlägiges Gebot der Ethik

Interview mit Prof. Dr. Stephan Convent
Die individuelle Arbeitssicherheit ist ein einschlägiges Gebot der Ethik

Prof. Dr. Stephan Convent
Prof. Dr. Stephan Convent, Studiendekan an der Diploma Hochschule © Diploma

Prof. Dr. Stephan Convent zu Ethik in der Arbeitssicherheit

Ethik – ein schw­ergewichtiges Wort, das in Zeit­en der Pan­demie und durch neue Geset­ze wie das Liefer­ket­tenge­setz zunehmend im Unternehmen­su­m­feld an Bedeu­tung gewon­nen hat. Wo sehen Sie die ethis­chen Ansatzpunk­te in der Arbeitssicher­heit und wie hat Ihr Unternehmen diese vielle­icht bere­its aufgegriffen?

Ethik ist im Ursprung ein Teil­bere­ich der Philoso­phie, wobei im Zen­trum das moralis­che Han­deln ste­ht. Hier­bei ist die Reflex­ion und Begründ­barkeit zen­tral – ein Auf­gaben­spek­trum, das auch sehr gut in das Sys­tem Hochschule im All­ge­meinen und in die Diplo­ma im Beson­deren passt. Wir bei der Diplo­ma messen sowohl der Arbeitssicher­heit als auch der Ethik einen hohen Stel­len­wert bei, wie es auch in den Cur­ric­u­la zu sehen ist. Mit Start 10/2021 befassen sich unsere Studieren­den des Stu­di­en­gangs „Sicher­heits­man­age­ment“ in den Lehrver­anstal­tun­gen „Wirtschaft­sethik“ und „Brand- und Arbeitss­chutz“ mit rel­e­van­ten aktuellen und his­torischen Fragestel­lun­gen wie dem Bhopal-Unglück. Sie ler­nen zu unter­schei­den, zwis­chen insti­tu­tionellen, ökonomis­chen und moralis­chen Grün­den der CSR und erken­nen kul­turelle Ein­flüsse. Anhand mehrerer Beispiele erken­nen die Studieren­den, dass auch ent­lang von Wertschöp­fungs­ket­ten viel Gutes getan wer­den kann, beispiel­sweise wenn sie anhand des Shared Val­ue-Ansatzes von Porter/Kramer Wertschöp­fungs­ket­ten analysieren.

“Das Leben ist schön, solange nichts passiert” – Im Rah­men sein­er beru­flichen Tätigkeit nicht zu verun­fall­en, ist keine Frage des Glücks. Wo sehen Sie die größten Her­aus­forderun­gen in der Grat­wan­derung zwis­chen ein­er ethis­chen Umset­zung der Vorschriften in Kor­re­la­tion mit der Gewin­n­max­imierung des Unternehmens?

Gle­ich zu Beginn ihres Studi­ums wird unseren Studieren­den der Wirtschaftswis­senschaften beige­bracht, dass die zen­trale Legit­i­ma­tion­s­grund­lage eines Man­age­ments die Knap­pheit an Ressourcen ist. Das Gewin­nprinzip des Mark­tes kann hier­bei nicht in Frage gestellt wer­den, da es, wie Steinmann/Löhr es einst unter­strichen, die his­torisch-struk­turelle Vor­gabe für alle Unternehmen in der Wet­tbe­werb­swirtschaft ist. Die betrieb­swirtschaftliche Prax­is und das Studi­um baut fast auss­chließlich auf dem Gedanken auf, dass Akteure mit diesen begren­zten wirtschaftlichen Ressourcen das Max­i­mum an Ergeb­nis — sei es finanzieller oder wohlfahrtssteigen­er Art – zu erzie­len ist. Nicht anders ist es in der Arbeitssicher­heit. Auch hier ist es das Ziel, ein Höch­st­maß an Sicher­heit zu erre­ichen. Unsere Auf­gabe als Sicher­heits­man­ag­er ist es, aus den zur Ver­fü­gung ste­hen­den Mit­teln ein Max­i­mum an Sicher­heit zu erzie­len. Den­noch wird der Fak­tor Arbeit, um den es in der ethis­chen Betra­ch­tung beson­ders geht, nicht an allen Pro­duk­tion­sorten dieser Welt gle­ich geschützt. Im Rah­men des Nearshorings ent­standen die mexikanis­chen Maquilado­ras, die mit US-amerikanis­chen Arbeitssicher­heits­stan­dards konkur­ri­eren. Zen­tral ist hier­bei auch die Lage der Arbei­t­erin­nen und Arbeit­er, deren Arbeitssicher­heits­stan­dards nicht mit den US-amerikanis­chen zu ver­gle­ichen sind und ein Stre­it­punkt der let­zten bei­den amerikanis­chen Wahlkämpfe war. Zwar etwas in die Jahre gekom­men zeigt der 2006 veröf­fentlichte Film Maquilapo­lis von Funari und de la Torre auf ein­drück­liche Weise, wie Mitar­beit­er behan­delt wer­den kön­nen – ganz im Sinne von Neu­berg­ers der Men­sch ist Mit­tel. Punkt.

Wo sehen Sie Zusam­men­hänge zwis­chen ein­er Sicher­heit­skul­tur im Unternehmen und ein­er ethis­chen Umsetzung?

Ein nicht zu unter­schätzen­der Bestandteil der Unternehmensethik ist die Führungsethik, da ins­beson­dere Führungskräfte mit Werthal­tun­gen Unternehmen stark prä­gen. Hier­bei muss es den Führungskräften möglich sein, auch zu reflek­tieren und die Unternehmensstrate­gie in Frage zu stellen. Wird eine Unternehmung als kul­turell erfun­dene Organ­i­sa­tion begrif­f­en, obliegt es ins­beson­dere auch der Führungskraft, nötige Prozesse zu leit­en. Holl­nagel unter­schied die Bausteine eines erfol­gre­ichen Resilience Engi­neer­ing, wenn dieser auf die Fähigkeit­en des Learn­ing, Respond­ing, Mon­i­tor­ing und Antic­i­pat­ing ver­wies. Sind hier Fähigkeit­en nicht aus­re­ichend entwick­elt, wird die Unternehmenssicher­heit dys­funk­tion­al. Hier ist es die Auf­gabe der Führungskraft, anzuset­zen. Holl­nagel unter­schei­det weit­er hin­sichtlich Ein­satzbere­iche. Im Sinne von Safe­ty I ist ein reak­tives kausal­an­a­lytis­ches Ver­ständ­nis erforder­lich. Steigert sich hinge­gen die Kom­plex­ität des Anwen­dungs­feldes, so wer­den proak­tive sys­temis­che Ansätze mit ein­er großen Bedeu­tung des Ver­ständ­niss­es erforder­lich. Der Men­sch wird hier­bei weniger als Teil eines Prozess­es zur Fehlere­li­m­inierung als vielmehr als wertvolle Ressource gese­hen, die befähigt wer­den soll, auf unter­schiedlich­ste Umstände flex­i­bel und effizient zu reagieren. Hier wird der Men­sch und die Kul­tur zum Mittelpunkt.

Durch die Pan­demie waren viele Unternehmen dazu gezwun­gen, das Arbeit­sum­feld der Mitar­bei­t­en­den von einem Tag auf den anderen voll­ständig umzukrem­peln. Plöt­zlich sah man sich der Her­aus­forderung gegenübergestellt, dass beispiel­sweise alle Büro-Mitar­bei­t­ende im Home Office arbeit­en mussten. Inwieweit hat die Pan­demie mit seinen vielfälti­gen Her­aus­forderun­gen an die Arbeitssicher­heit eine Verän­derung im Umgang miteinan­der und in der Umset­zung der Arbeitssicher­heits­maß­nah­men bewirkt?

Das Unternehmen hat aus ver­ständlichen Grün­den kaum Gestal­tungsmöglichkeit­en im Home Office der Mitar­bei­t­erin­nen und Mitar­beit­er. So ist es ihm nur sehr eingeschränkt möglich, einen ergonomisch zielführen­den Arbeit­splatz sicherzustellen. Auch Hin­weise auf mögliche Gefahren­quellen sind über die Kol­le­gen und zuständi­gen Abteilun­gen nur schw­er zu iden­ti­fizieren. Hinzu kom­men beiläu­fig indi­rek­te Prob­leme. So leg­en Stu­di­en nahe, dass Home Office zu Bewe­gungs­man­gel und Übergewicht führe. Hier ist es wichtig, die Mitar­bei­t­erin­nen und Mitar­beit­er für die Wichtigkeit ein­er gesund­heitlichen Bal­ance zu sensibilisieren.

Unab­hängig von den Auswirkun­gen der Pan­demie: Was wäre Ihre Wun­schvorstel­lung zur Berück­sich­ti­gung ethis­ch­er Kom­po­nen­ten in der Arbeitssicherheit?

In Deutsch­land haben wir bere­its erfreulicher­weise einen hohen Stan­dard der Arbeitssicher­heit etablieren kön­nen. Sicher­lich kön­nen auch hierzu­lande noch viele weit­ere Verbesserun­gen vorgenom­men wer­den. Wenn ich mir etwas wün­schen dürfte, dann sind es inter­na­tion­al verbindliche hohe Min­dest­stan­dards an die Arbeitssicher­heit aller Men­schen. Umset­zbar wird das jedoch ver­mut­lich nur, wenn jed­er Einzelne von uns beispiel­sweise in sein­er dur­chaus gewichti­gen Rolle als Kunde auch im Zweifel aus ethis­chen Grün­den Verzicht übt. Wie schw­er dieser Verzicht fall­en kann, wird auch anhand eines Beispiels deut­lich. Mein Sohn im Grund­schu­lal­ter freut sich schon sichtlich auf die kom­mende Fußball­welt­meis­ter­schaft in Katar, einem Land, in dem unter katas­trophalen Arbeits­be­din­gun­gen Men­schen beim Bau der Infra­struk­tur für das Event ster­ben. Amnesty Inter­na­tion­al veröf­fentlichte im August 2021 einen Bericht über 15.021 zwis­chen 2010 und 2019 gestor­bene Gas­tar­beit­er. Auch der Guardian berichtete zuvor bere­its von mehr als 6.500 toten Arbeitsmi­granten mit dem Ver­weis, dass die tat­säch­liche Anzahl man­gels Dat­en einiger Herkun­ft­slän­der noch höher sein wird. Ein großan­gelegter Boykott mag eine Option sein, nur real­is­tisch ist dieser nicht. Däne­marks National­mannschaft fand hier einen inter­es­san­ten Mit­tel­weg. Statt der Spon­soren wer­den die Train­ingstrikots sicht­bar Men­schen­recht­sprokla­ma­tio­nen enthal­ten – ein Beitrag, um auf die man­gels Arbeitssicher­heit gestor­be­nen Men­schen aufmerk­sam zu machen. Es wird im per­sön­lichen Umfeld sehr schw­er sein, die WM zu ver­fol­gen oder per­sön­lich zu boykot­tieren – ein Dilem­ma, das so manchen weit­eren Fam­i­lien­vater vor dem Hin­ter­grund dieser promi­nen­ten ekla­tan­ten Mis­sach­tung von Arbeitssicher­heit tre­f­fen wird. Für die Zukun­ft wün­sche ich mir, dass kein Men­sch mehr für unseren Spaß auf­grund von Nach­läs­sigkeit­en und Mis­sach­tun­gen per­sön­lich­er Sicher­heit ster­ben muss.

Wie müsste ein Konzept der Unternehmensethik aufge­baut sein?

Wichtig ist aus mein­er Sicht ein Lev­el Play­ing Field, damit Kosten­vorteile ins­beson­dere in den sehr kostensen­si­blen Branchen nicht zu Las­ten der Arbeit­splatzsicher­heit von Mitar­bei­t­erin­nen und Mitar­beit­ern real­isiert wer­den. Alle Unternehmen soll­ten grund­sät­zlich einen aus­re­ichend hohen Arbeitss­chutz auch län­derüber­greifend sich­er­stellen müssen. Hier sind per­for­mante nationale wie inter­na­tionale Geset­zeswerke als Min­dest­grund­lage erforder­lich und eine gut aus­geprägte Com­pli­ance, die die Umset­zung garantiert. Um eine Kon­trolle sowie einen Fluss von Infor­ma­tio­nen von außen zu gewährleis­ten, sind externe Gutachter im Sys­tem erforder­lich. Darüber hin­aus ist das Wirken ein­er jeden Mitar­bei­t­erin und eines jeden Mitar­beit­ers unerlässlich.

Das Inter­view führte Sask­ia A. Rotterdam 

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